Kolumne
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Klein und Groß

Heute schreibt Campus-Reporterin Rebecca Singer. Illustration: Designstudio Mathilda Mutant

Heute schreibt Campus-Reporterin Rebecca Singer. Illustration: Designstudio Mathilda Mutant

In der Kolumne schreiben unsere Campus-Reporter, allesamt Studierende in Koblenz und Landau, unplugged aus ihrem Alltag. Heute vergleicht Rebecca Singer kleine Universitäten mit großen und gesteht, warum sie eine Weile lieber nicht über den Landauer Campus laufen wollte.

Viele Studierende, große Hörsäle, dafür aber viele Freizeitmöglichkeiten und weniger Langeweile? Oder lieber eine überschaubare Universität und ein kleines gemütliches Städtchen? Diese Fragen stellen sich Abiturienten, die auf der Suche nach der passenden Hochschule oder Universität sind. Ich habe beides erlebt: Mein Bachelorstudium verbrachte ich an der kleinen Universität Hohenheim mit etwa 10.000 Studierenden. Danach kam ich für mein Masterstudium an den Campus Landau, etwas kleiner mit etwa 8.000 Studierenden. Im Auslandssemester lernte ich dann eine eher große Universität kennen: Die Karlsuniversität in der 1,3-Millionen-Einwohner-Stadt Prag – mit über 50.000 Studis.

Einschlafen in kleinen Vorlesungen

Was mir besser gefällt? Ich mag beides. Wenn ich ehrlich bin, bin ich aber froh, den Großteil meines Studentenlebens an kleinen Universitäten studiert zu haben. In kleinen Seminaren mit wenigen Studis musste ich mich eher beteiligen und lernte dadurch mehr. Engere Kontakte zu Dozenten und Professoren verringerten die Hemmschwelle, mich mit Problemen direkt an sie zu wenden. Unschlagbar finde ich auch die kurzen Wege an den kleinen Campi in Landau und Hohenheim. Außerdem freue ich mich, wenn ich in der Cafeteria sitze und mindestens eine Person treffe, die ich kenne. Natürlich hat das alles auch Nachteile. In kleinen Seminaren muss mitgemacht werden, auch bei größter Müdigkeit. Die Professoren erkennen einen wieder, wenn man in der Vorlesung mal eingeschlafen ist, und wenn man an einem schlechten Tag wirklich niemanden treffen will, sollten Campus und Innenstadt-Cafés lieber gemieden werden.

In Prag mit meinen 50.000 Kommilitonen haben mir dagegen vor allem die vielen Möglichkeiten gefallen, etwas zu erleben. Es gab zahlreiche Seminare mit unterschiedlichstem Inhalt und an Freizeitmöglichkeiten wurde auch nicht gespart. Unzählige studentische Gruppen boten alles Mögliche an: Wöchentliche tschechische Filmabende, Bierproben, Partys, Vorträge über aktuelle Themen und Ausflüge in Städte oder in die Natur. Was mir auch gut gefallen hat, war die Anonymität, die die große Uni und die Stadt boten. Wenn ich Lust hatte, mich mit Leuten zu treffen, konnte ich meinen Freunden schreiben. Ich konnte aber auch einfach in die Stadt gehen, herumlaufen, Kaffee trinken und keinen einzigen Menschen treffen, den ich kannte.

Mit Gipsarm am Campus

In Landau ist das anders: Wer zum Beispiel regelmäßig die Bibliothek besucht, um zu lernen, zu recherchieren oder um die Abschlussarbeit zu schreiben, der erkennt schnell diejenigen, die das auch tun. Auch wenn man sich nicht kennt, wird sich wissend zugenickt, gelächelt oder auch mal gegrüßt. Schweifen die Gedanken über meine eigene Arbeit ab, denke ich manchmal darüber nach, was die anderen wohl machen: Sitzen sie über ihren Abschlussarbeiten? Recherchieren sie für ihre Doktorarbeiten? Lernen sie für Klausuren oder machen sie vielleicht etwas ganz anderes? Manchmal wundere ich mich auch, wenn jemand schon lange nicht mehr da war.

Das finde ich grundsätzlich schön. Wer allerdings auffällt, beispielsweise durch einen Gips am Arm, wird schnell erkannt. Trotz meines Gipsarms war ich am Campus unterwegs und dieses Mal hatte ich das Gefühl, fragend angeschaut zu werden. Als mein Arm geheilt war, ging ich wieder regelmäßig in der Bibliothek ein- und aus. Kurz darauf kam ich aus dem Skiurlaub zurück – mit gebrochenem Schlüsselbein. Wieder eine Schiene am Arm, eine verbundene Schulter und die gleichen Blicke: Wirklich? Schon wieder? Und das kurz nach dem letzten Gips. Ich blieb also eine Weile zuhause, um gesund zu werden. Vielleicht wollte ich aber auch ein wenig den Blicken entgehen. Jetzt sind nur noch ein paar Narben übrig und ich wage mich nach draußen. Ich gehe wieder in die Bibliothek und nicke den Kommilitonen freundlich zu. Ob sie mich wohl noch erkennen?

Rebecca Singer

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