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Keine Pferde, dafür richtig Leben in der Bude: Kunst in der Reithalle

Die Reithalle in Landau ist die neue Heimat des Instituts für Kunstwissenschaften und Bildende Kunst. Foto: Philipp Sittinger

Die Reithalle in Landau ist die neue Heimat des Instituts für Kunstwissenschaften und Bildende Kunst. Foto: Philipp Sittinger

Seit November 2018 hat das Institut für Kunstwissenschaften und Bildende Kunst in der Reithalle am ehemaligen Landesgartenschaugelände in Landau eine neue Heimat. Auf etwa 1.900 Quadratmetern ist zum ersten Mal die gesamte Kunst an einem Ort.

Der Kunststandort ist nicht nur ein Arbeitsplatz für Studierende, auch Professoren und Dozierende verbringen hier ihre Zeit. An einem normalen Dienstag sitzt Professorin Tina Stolt, geschäftsführende Leiterin des Instituts für Kunstwissenschaft und Bildende Kunst, im mittleren Teil des Gebäudes und bereitet ein Masterseminar vor. Der große Raum strahlt Chaos und Ordnung zugleich aus. Neben geordneten Tischen für das Seminar stehen Leinwände, Farbe und halbfertige Arbeiten herum. Stolt freut sich über das neue, offene Atelier. Dadurch, dass alles an einem Ort ist, seien nicht nur die Ergebnisse in Form von fertigen Kunstwerken sichtbar. Man bekomme auch Einblick in Arbeitsprozesse und könne sich wunderbar austauschen. „Manche vermissen schon eine Tür. Aber es ist auch schön, mitzubekommen, was die anderen machen. Und die Gruppenbildung durch die zwei Standorte ist auch nicht mehr so stark“, erzählt sie. Manchmal sei sie gern ein paar Stunden vor ihrem Seminar in der Reithalle, um einen Kaffee zu trinken und zu arbeiten. „Es ist einfach netter als im Büro“, erzählt sie.

Der Klinkerbau aus dem späten 19. Jahrhundert ist die neue Heimat des Instituts für Kunstwissenschaften. Foto: Philipp Sittinger

Der Klinkerbau aus dem späten 19. Jahrhundert ist die neue Heimat des Instituts für Kunstwissenschaften.

Professorin Tina Stolt ist vor allem vom offenen Atelier begeistert. Foto: Philipp Sittinger

Professorin Tina Stolt ist vor allem vom offenen Atelier und den Seminarräumen begeistert.

Foto: Philipp Sittinger

Das Atelier bietet genug Platz für alle Studierenden.

Gegenseitige Inspiration

Unterdessen arbeitet Rainer Steve Kaufmann, Mitarbeiter in den Bereichen Zeichnung, Fotografie und digitale Bildbearbeitung, im Computerraum. Er freut sich vor allem über die neue Ausstattung und die modernen Drucker. „Die neuen Räumlichkeiten sind spitze“, sagt er, „hier kann gleichzeitig gearbeitet, gemalt und gezeichnet werden, während Seminare stattfinden.“ Das sei durch die gute Akustik im Atelierbereich möglich. „Die künstlerisch arbeitenden Studierenden inspirieren sich gegenseitig und es kommt zu Synergieeffekten. Es ist wichtig, einfach da zu sein, auch nur für eine Unterhaltung und einen Kaffee – da ist Leben in der Bude“, findet Kaufmann.

Rainer Steve Kaufmann freut sich über die neue technische Ausstattung der Reithalle. Foto: Philipp Sittinger

Rainer Steve Kaufmann schätzt die neue technische Ausstattung der Reithalle.

Foto: Philipp Sittinger

Doch nicht nur moderne Technik wurde aufgerüstet. Auch Werkzeug gehört zur neuen Ausstattung.

Die Räumlichkeiten sind aber vor allem für die Studierenden da: Kunststudent Manuel Weiland betritt die Reithalle durch die Hintertür. Dann durchquert er den Korridor, vorbei an den Werkstätten und Seminarräumen, und nimmt die Treppe in das mittlere Stockwerk. Hier sitzen die Masterstudierenden und diskutieren mit Professorin Stolt im Seminar „Ich und Du, Variationen des Porträts“ über Abbildungen von Gesichtern. Nachdem sich Weiland einen Kaffee in der gemütlichen Küche des Ateliers gemacht hat, gelangt er über eine weitere Treppe nach oben zu den Atelierplätzen.

Zwei oder drei Künstler pro Atelierplatz

Mit dampfendem Kaffee in der Hand lässt er seinen Blick über die vielen studentischen Arbeitsplätze schweifen. Die Plätze sind offen gestaltet und lediglich durch einzelne Stahlträger getrennt. Auch hier oben sieht es nach kreativem Chaos aus. Wohin man auch blickt, sieht man Leinwände, bunte Bilder, Zeichnungen, Fotografien, Pinsel, Farben und Spraydosen. Ab und zu erblickt man auch einen arbeitenden Studierenden. Aus dem Radio ertönt gemütliche Jazzmusik. Seinen Atelierplatz teilt sich Weiland mit einem Kommilitonen: „Musikalisch haben wir uns inzwischen auf Hardcore und Jazz geeinigt – je nach Stimmung kann man dazu besonders gut kreativ sein“, sagt er. Die einzelnen Plätze werden den Studierenden zugeordnet. Je nachdem, wie häufig und wie lange gearbeitet wird, teilen sich zwei oder drei angehende Künstler einen Platz.

Auch Kunststudent Manuel Weiland genießt die neue Arbeitsatmosphäre. Foto: Philipp Sittinger

Auch Kunststudent Manuel Weiland genießt die neue Arbeitsatmosphäre.

Weiland ist bereits zweimal mit den Ateliers der Universität umgezogen. Vom Ostring ging es in die Lazarettstraße und schließlich in die Reithalle. „Jedes der Ateliers hatte seinen Charme: Das Erste war ein bisschen chaotisch mit den vielen kleinen Ecken, aber auch sehr schön. Das zweite hatte dafür abgetrennte Räume und man hatte seine Ruhe“, stellt er fest. Die Stimmung im neuen Atelier sei super. Durch das offene Gebäude gebe es deutlich mehr soziale Interaktion: „Es ist heller und durch die vielen Studierenden ist auch mehr Leben im Haus. Dadurch müssen wir natürlich auch mehr Rücksicht nehmen. Je nachdem, mit welchen Materialien wir arbeiten, kann das zum Beispiel ziemlich geruchsintensiv sein.“

 Je nachdem, wie häufig und wie lang gearbeitet wird, teilen sich zwei oder drei angehende Künstler einen Platz. Foto: Philipp Sittinger

Je nachdem, wie häufig und wie lange gearbeitet wird, teilen sich zwei oder drei angehende Künstler einen Platz.

Foto: Philipp Sittinger

Manche der Studierenden hören gern Musik bei der Arbeit.

Foto: Philipp Sittinger

Andere genießen lieber die Ruhe.

Kunstkritik bei Kaffee oder Wein

Die Studierenden kommen meistens nicht allein ins Atelier, sondern verabreden sich zum Arbeiten. Danach wird bei einem Gläschen Wein über alles Mögliche diskutiert. „Manchmal arbeiten wir abends oder nachts, da kann man eben keinen Dozenten mehr fragen. Dann helfen vor allem die älteren den jüngeren Semestern gerne aus.“ Das sorge für eine entspannte und familiäre Situation. Im Vergleich zu anderen Universitäten sei der Konkurrenzdruck nicht so hoch, man unterstütze sich gegenseitig und freue sich füreinander.

Auf der anderen Seite der Halle sitzt die Kunststudentin Eva Korn. Sie arbeitet an einer neuen Druckplatte für ihre Arbeit im Bereich Experimenteller Druck. Ihren Platz teilt sie sich mit einer Kommilitonin. „In letzter Zeit sind wir leider eher selten gleichzeitig hier. Wenn wir beide da sind, hören wir gern Hörbücher zusammen“, erzählt sie. Unter anderem beschäftigt sie sich mit alten Fotografien, die sie mit Holzleim oder Akrylpaste bearbeitet. Am neuen Atelier gefällt ihr vor allem die gesellige Küche: „In den Pausen schaue ich da gerne vorbei. Normalerweise findet man immer jemanden zum Kaffee trinken und quatschen,“ findet sie.

In den Pausen entspannt Kunststudentin Eva Korn gern in derhauseigenen Küche. Foto: Philipp Sittinger

In den Pausen entspannt Kunststudentin Eva Korn am liebsten in der hauseigenen Küche.

Akt-Malerei in der Reithalle

Während die Farbe auf seinen Bildern trocknet, wendet sich Manuel seinen Keramik-Arbeiten in der Werkstatt zu. Dort trifft er seine Kommilitonin Anne Krächan, die gerade dabei ist, eine Tasse trockenzuföhnen. Sie erzählt von ihrer Master-Ausstellung, die neulich stattgefunden hat: „Zwei Monate lang war ich täglich bestimmt acht bis zwölf Stunden hier.“ Ihre Lackarbeiten könne sie sowieso nicht zu Hause anfertigen. „Den Geruch hätte ich nicht gern in meinem Schlafzimmer“, sagt sie und lacht. Diese Arbeiten seien besonders zeitaufwändig. Jede der bis zu 30 Lagen der Bilder muss zwei bis drei Wochen trocknen. Spannend findet sie daran, dass das endgültige Bild erst zum Schluss beim Schleifen sichtbar wird. Wie bei einem Überraschungsei. Diese Arbeitsweise sei nur mit viel Erfahrung kontrollierbar.

Anne Krächan ist für ihre Keramik-Arbeiten manchmal bis zu 12 Stunden in der Reithalle. Foto: Phillip Sittinger

Anne Krächan ist für ihre Keramik-Arbeiten manchmal bis zu 12 Stunden in der Reithalle.

Die witzigsten Momente im neuen, offenen Atelier seien solche, in denen man schon beim Betreten des Gebäudes aufgefordert wird, noch nicht hoch zu den Arbeitsplätzen zu kommen: “Ich bin gerade nackt, ruft dann jemand. Niemand von uns kann sich ein Akt-Model leisten, auch da helfen wir uns gegenseitig aus“, schmunzelt Krächan.

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