Studium & Lehre
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Informationen richtig verdauen

Dr. Michaela Schlich vermittelt Koblenzer Lehramststudierenden einen reflektierten Umgang mit Ernährung und Verbraucherbildung. Foto: privat

Dr. Michaela Schlich vermittelt Koblenzer Lehramststudierenden einen reflektierten Umgang mit Ernährung und Verbraucherbildung. Foto: privat

Ein gesunder Snack für zwischendurch, ein exotisches Superfood? Neue Ernährungstrends verbreiten sich im Nu und selbst ernannte Fachleute geben Ratschläge. Da lässt man sich leicht mitreißen. Dr. Michaela Schlich ist Leiterin des Fachgebiets Ernährungs- und Verbraucherbildung am Campus Koblenz. Hier sollen zukünftige Lehrkräfte unter anderem lernen, die Kompetenzen zu vermitteln, neue Informationen zu Ernährung und Konsum zu überprüfen.  

Unsere Serie Studium & Lehre gibt Antworten und Hilfestellungen rund ums Studium und stellt besondere Projekte vor.

In den Medien gibt es regelrechte Informationsfluten zum Thema Ernährung. Dabei sind nicht alle Tipps hilfreich. “Jeder ernährt sich und meint dann auch, er wäre kompetent”, kritisiert Dr. Michaela Schlich. Es gibt einige Trends, die viele für gesund halten, obwohl sie es gar nicht sind. “Es ärgert mich, wenn ein Blogger sagt, man solle jeden Tag einen Smoothie trinken. Das ist schlecht für den Körper. In Obst ist jede Menge Zucker und in einem Smoothie aus vielen Stücken Obst ist der Zucker hoch konzentriert. Wenn ich ein Stück Apfel esse, dann kaue ich diesen und nehme das Stück Obst langsam zu mir. Da stimmt der Spruch ‘gut gekaut, ist halb verdaut’, aber das gerät in Vergessenheit.”

Das Mittelmaß finden

Auch die viel diskutierte vegane Ernährung sieht Schlich als kritisch an, räumt jedoch ein: “Ich denke, dass diese Bewegung dazu führen könnte, dass die Menschen den Konsum tierischer Lebensmittel mehr reflektieren. Je mehr Leute sich dazu äußern, umso mehr denke ich vielleicht darüber nach, ob ich das Fleisch wirklich essen muss”. Aus ökologischer Perspektive sei eine vegane Ernährung möglichst vieler Menschen nicht die beste Option. Untersuchungen zufolge hätten viele Weideflächen, die bisher für Viehzucht genutzt werden, eine Bodenbeschaffenheit, die sich nicht für den Anbau von Kulturpflanzen eignet. Bei einem dicht besiedelten Land wie Deutschland könnte die Ernährung einer gänzlich veganen Bevölkerung nicht durch die vorhandenen Flächen gedeckt werden. Und dann müsste man viel importieren.

Nicht jede Weide in Deutschland eignet sich für den Anbau von Kulturpflanzen, aus denen vegane Nahrung gewonnen werden kann. Foto: Photologic

Nicht jede Weide in Deutschland eignet sich für den Anbau von Kulturpflanzen, aus denen vegane Nahrung gewonnen werden kann. Foto: Photologic

Dr. Michaela Schlich leitet das Fachgebiet Ernährungs- und Verbraucherbildung an der Universität in Koblenz. Lehramtsstudierende lernen hier, wie sie Wissen über Ernährung und reflektierten Konsum vermitteln können. Darüber hinaus ist Dr. Schlich in verschiedenen Projekten zu Themen wie Verbraucherbildung, Schulverpflegung, Gesundheit und Nachhaltigkeit tätig.

Schlich spricht sich stattdessen für die vegetarische Ernährung aus. Auch dieser müsse man sich allerdings mit Kompetenz annähern. Zum Beispiel würden manche Nährstoffe aus Pflanzen vom Körper schlechter aufgenommen als aus tierischen Produkten. Allgemein gelte jedoch, dass niemand täglich Fleisch braucht. Hier sieht Schlich noch ein großes Problem: “Auch die DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) empfiehlt ganz wenig Fleisch und tierische Produkte pro Woche, aber die Menschen wollen das einfach nicht umsetzen.” Sie selbst ist Flexitarierin und plädiert für hochwertiges Fleisch – Haltungsform 4 oder Bio, sei es von der Metzgerei des Vertrauens oder aus dem Supermarkt. Dort würden Futter, Nahrungsergänzungsmittel und der Einsatz von Medikamenten am strengsten kontrolliert und es gäbe die beste Haltung für die Tiere. “In manchen Ländern gibt es Genossenschaften, in denen die Menschen ein Tier zusammen aufziehen. Sie begleiten den Schlachtvorgang und teilen dann das Fleisch. Das ist natürlich noch mal was anderes. Das kann man nicht in der Masse machen, aber es ist ein schöner Ansatz.” Wenn man einmal pro Woche hochwertiges Fleisch essen würde, befindet Schlich, sei schon viel getan für Mensch und Tier.

Mehr als Kochen

Schlich findet, dass Ernährung und Konsum möglichst früh in die Bildung gehören und ist daher unter anderem Mitglied einer Richtlinienkommission des Landes. Sie hat maßgeblich die Richtlinie Verbraucherbildung mitgestaltet, mit der das rheinland-pfälzische Bildungsministerium seit 2010 eine Einbindung des Themas an allgemeinbildenden Schulformen vorschreibt. Schlich ist studierte Ökotrophologin, einem interdisziplinären Fach aus Ernährungs-, Wirtschafts- und Naturwissenschaften mit medizinischen Grundlagen. Ihren Studierenden lehrt sie ein ebenso vielfältiges Fach rund um Ernährung, Sozioökonomie, Konsum und Nachhaltigkeit. Doch was genau heißt das? “Ich glaube, viele denken, dass wir kochen. Dabei beinhaltet das Fach vor allem wissenschaftliche Bezüge zu Ernährung, Konsum und Verbraucherpolitik. Natürlich habe ich eine Lehrküche, aber wir kochen nicht im eigentlichen Sinne. In der Lebensmittel- und Ernährungskompetenz geht es vielmehr um einen analytischen Blick auf die Lebensmittel. Wir zerlegen sie in ihre Einzelteile und schauen, was die Inhaltsstoffe mit dem Körper machen”, erklärt Schlich. Was die zukünftigen Lehrkräfte dann in der Schule weitervermitteln, ist die “Consumer Citizenship”. Dabei geht es nicht um eine Aufteilung der Nahrungsmittel in gesunde und ungesunde. Schlich betont, dass kein Nahrungsmittel per se ungesund sei, sondern die Menge den Ausschlag gebe. Die Menschen sollten die Kompetenz erlangen, ihr Konsumverhalten auf politische, soziale, ökonomische, ökologische und gesundheitliche Einflüsse zu überprüfen. Sie sollten die Hintergründe und Auswirkungen ihres Konsums nachvollziehen können, um reflektiert und selbstbestimmt Entscheidungen treffen zu können, erläutert sie.

Der heimische Garten

Immer wieder ist von “Superfoods” die Rede – wie von der brasilianischen Acai-Beere. Schlich hält solche Nahrungsmittel für unnötig: “Wir haben viele tolle Lebensmittel in Deutschland und Europa, an die wir gewöhnt sind. Viele meinen aber, eine exotische Beere aus Brasilien essen zu müssen. Dann geben sie sie ihrem Kind und wundern sich, wenn es eine Allergie entwickelt.” Auch dass generell so viel gegessen und vor allem gesnackt wird, fällt ihr negativ auf. Das sei keine reflektierte Herangehensweise und man nehme zu viel Energie auf.  Sie empfiehlt, die Nahrungsaufnahme in regelmäßige Mahlzeiten einzuteilen. Positiv sieht sie das Urban Gardening, wie es in Andernach praktiziert wird. Hier wurden öffentliche Flächen für den Gartenanbau freigegeben, jeder kann sich beteiligen und bedienen.

Neue und alte Mythen

Ob die neuesten Ernährungsmoden nun sinnvoll sind oder nicht, es gibt auch schlichte Falschinformationen, die sich schnell verbreiten. Schlich stellt die klassische Behauptung, dass Obst viele Vitamine enthält, richtig: “Obst ist zwar der Hauptlieferant von Vitamin C, stellt aber andere Vitamine nur in sehr geringen Mengen zur Verfügung. Dafür müsste man schon so viel Obst essen, dass es wieder ungesund wäre.” Auch ranken sich viele Mythen um das Thema Nachhaltigkeit. Zum einen sei regionale Ware nicht gleich bio und nicht immer besser als importierte. “Wenn ich Äpfel aus Neuseeland in einem großen Maß bestelle, wenn dort Ernte ist, dann ist es ökologischer, als wenn ich Äpfel aus Rheinland-Pfalz aus dem Klimalager hole, was energetisch sehr aufwendig ist.” War früher alles besser? Nein, erklärt Schlich. Manche Ernährungsgewohnheiten aus vergangenen Zeiten erscheinen heute ganz klar unratsam. So gab man Kindern rohes Ei mit Zucker, weil das angeblich gesund war. Oder man legte unreife Tomaten ein. Diese enthalten jedoch leichte Giftstoffe. Dafür hatte man aber einen stärkeren Bezug zum Essen, indem man es zum Beispiel selbst wachsen sah. Und man hatte allgemein mehr Kenntnisse über die richtige Zubereitung.

Tomaten wurden früher auch im unreifen Zustand verarbeitet. Doch davon ist abzuraten, denn grüne Tomaten enthalten das giftige und bitter schmeckende Solanin. Essig oder Zucker, die zum Einmachen verwendet werden, können den Geschmack überdecken. Foto: Karim Ghantous

Tomaten wurden früher auch im unreifen Zustand verarbeitet. Doch davon ist abzuraten, denn grüne Tomaten enthalten das giftige und bitter schmeckende Solanin. Essig oder Zucker, die zum Einmachen verwendet werden, können den Geschmack überdecken. Foto: Karim Ghantous

Man lernt nie aus

Für viele kommt die Einführung des Themas an den Schulen zu spät. Schlich ermutigt, sich selbstständig damit zu befassen. “Es hilft immer, zu hinterfragen. Wenn da etwas von einer Studie steht, sollte man sich diese näher angucken. Oder Experten fragen. Es gibt zertifizierte Ernährungsberater oder Wissenschaftler, die gerne helfen. Und es gibt viel gut verständliche Literatur.” Hierzu nennt sie die Ernährungsumschau der DGE, die Ernährung im Fokus des BZfE (Bundeszentrum für Ernährung) und die Hauswirtschaft und Wissenschaft der Deutschen Gesellschaft für Hauswirtschaft. Die Zeitschriften der DGE und des BZfE sind in der Universitätsbibliothek verfügbar und die Hauswirtschaft und Wissenschaft online.

Nadja Riegger

1 Kommentare

  1. Rainer Kirmse , Altenburg sagt

    Drei kleine Gedichte zu Ernährung und Konsum:

    EINE GEWICHTIGE NATION

    Die Deutschen haben Übergewicht,
    Es drohen Diabetes und Gicht.
    In uns’rer unendlichen Freiheit
    Sind wir frei jeder Enthaltsamkeit.

    Wir lieben süße Getränke,
    Abends das Bier in der Schänke.
    Die vielen Burger und Muffins
    Fordern sichtbar ihren Zins.

    Im ungebremsten Autowahn
    Wird kaum ein Schritt zu Fuß getan.
    In der digitalisierten Welt
    Sind die Weichen auf Sitzen gestellt.

    Wir blicken in größerer Zahl
    Auf Herzinfarkt und Schlaganfall.
    Die Medizin ist überfordert,
    Wenn die Lebensführung verlottert.
    Wir sollten kommen zur Vernunft,
    Für eine leichtere Zukunft.

    WENIGER IST MEHR

    Gegen den ewigen Wachstumswahn
    Muss nachhaltiges Wirtschaften her;
    Gegen den Autowahn Bus und Bahn,
    Auch im Verkehr ist weniger mehr.
    Urlaubsreisen etwas einschränken,
    Beim Essen ans Maßhalten denken;
    Statt Hühnerbrust zu fleischloser Lust.
    Beim Heizen mit den Graden geizen,
    Teilen, Second Hand der neue Trend;
    Smartphone Dauerkauf keine Option.
    Bei allem etwas Enthaltsamkeit,
    Nehmen wir uns die Freiheit.

    VOM FASTEN

    Fasten heißt Pause vom Hasten,
    Körper und Seele entlasten.
    Man lässt das Auto mal rasten,
    Auch Handy und Computertasten.

    Ohne die Ernährungssünden
    Werden uns’re Kilos schwinden.
    Nach den bewusst gelebten Tagen
    Werden Glücksgefühle uns tragen.

    Ein toller Effekt daneben,
    Wir verlängern unser Leben;
    Überlisten die Lebensuhr
    Mit etwas Enthaltsamkeit nur.

    Rainer Kirmse , Altenburg

    Herzliche Grüße aus Thüringen

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