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Hunderte Stunden Film: Praktikant in der Kinoproduktion

Jan Reutelsterz absolviert ein freiwilliges Praktikum bei einer Kölner Filmproduktionsfirma und unterstützt das Team bei der Produktion eines Dokumentarfilms. Foto: Reutelsterz

Jan Reutelsterz absolviert ein freiwilliges Praktikum bei einer Kölner Filmproduktionsfirma und unterstützt das Team bei der Produktion eines Dokumentarfilms. Foto: Reutelsterz

Wie produziert man eigentlich einen Kinofilm? Um das herauszufinden, absolviert der Kulturwissenschaftler Jan Reutelsterz während seines Masterstudiums ein Praktikum bei einer Filmproduktionsfirma. Schon lange interessiert sich der 25-jährige Musiker für die Filmkunst und wählte entsprechend den Studienschwerpunkt Ethnologie der Ästhetik. Nun assistiert er seit Anfang des Jahres bei der Produktion eines deutsch-kanadischen Kinodokumentarfilms.

Kulturwissenschaftler arbeiten in vielen Bereichen. In welches Berufsfeld schnuppern Sie aktuell hinein?

Seit Januar 2018 absolviere ich ein freiwilliges Praktikum bei „Topos Film“, einer Kölner Filmproduktionsfirma. Seit Beginn arbeiten wir dort an einem Dokumentarfilm, der kommendes Jahr in den kanadischen Kinos erscheinen wird. Da die Dreharbeiten zu „The Whale and the Raven“ in Kooperation mit dem National Film Board of Canada und Arte/ZDF entstanden sind, wird der Film ebenfalls im deutschen Fernsehen zu sehen sein. Die Filmproduktion und die enge Zusammenarbeit bei Topos Film gefielen mir von Beginn an sehr gut. Aus diesem Grund verlängerten wir das Praktikum auf unbestimmte Zeit. Bis vor Kurzem bin ich also mehrmals die Woche mit der Bahn nach Köln gependelt, um in der Postproduktion des Films zu assistieren.

Was sind Ihre Aufgaben als Praktikant bei einer Filmproduktion?

Die Aufgabe des Teams ist es, aus dem gesammelten Drehmaterial einen fertigen Film zu produzieren. Dazu arbeite ich eng mit der Regisseurin, übrigens auch eine Ethnologin, und der Editorin zusammen. Ich assistiere sowohl in der Regie als auch im Schnitt. Zusätzlich helfe ich beim Recherchieren und bei der Ton- und Filmsichtung. Besonders komplex wird meine Arbeit, wenn ich an der Konzeption und der Dramaturgie des Films mitarbeite.

Klingt spannend. Und was lernen Sie in der Postproduktion?

Ich bekomme einen Einblick in die Abläufe einer Kinofilmproduktion. Zusammen mit der Editorin und der Regisseurin durchlaufe ich die verschiedenen Arbeitsschritte. Ich lerne von den Profis, worauf man bei der Sichtung von Drehmaterial achtet und wie man mit dem Sounddesign arbeitet. Außerdem lerne ich viel Neues über die Dramaturgie und die Konzeption von Filmen. Praktisch ist, dass mir die Editorin beibringt, wie man mit dem Schnittprogramm Avid arbeitet. Dieses Wissen kann ich super für meine eigenen Projekte nutzen.

Was für eigene Projekte machen Sie?

In meiner Freizeit arbeite ich als Fotograf und veröffentliche selbst produzierte Musikvideos mit meinem Musikprojekt Envåk. Auch meine Bachelorarbeit habe ich in Form eines Dokumentarfilms abgegeben.

Wie kam Sie zu diesem Praktikum?

Ich war gerade in Tokio, als ich eine Mail unserer Universität erhielt. Meine Kulturwissenschafts-Dozentin schickte mir das Praktikumsangebot der Kölner Filmproduktionsfirma. Mir war sofort klar: Da musst du dich bewerben. Die Arbeit mit der Kamera faszinierte mich schon immer.

Welche Intention steckt hinter dem freiwilligen Praktikum während des Masterstudiums?

Durch die Arbeit in einer Großstadt wie Köln kann ich ein tolles Netzwerk aufbauen. In der Mittagspause wird zusammen gekocht oder wir treffen uns mit anderen Regisseuren. Es wird viel diskutiert und interessante Leute fachsimpeln miteinander. Ein weiterer Vorteil sind die flexiblen Arbeitszeiten. Dadurch ist das Praktikum, trotz der Entfernung, sehr gut mit meinem Studium vereinbar.

Was ist die größte Herausforderung beim Filmdreh?

Die größte Schwierigkeit besteht darin, die Geschichte eines Films zu erzählen. Wir fragen uns: Wo liegt der Fokus der Handlung? Welches Material wählen wir für diese Szene aus? Der Dokumentarfilm spielt auf einer einsamen Insel an der Nordwestküste Kanadas. Der Film zeigt wechselseitig die Perspektiven zweier Walforscher, den First Nations, also der indigenen Bevölkerung Kanadas, den Walen und der Ölindustrie. Wie gehen nun die Menschen mit der Ankunft der Gasindustrie um, die zwar Arbeitsplätze schafft, aber auch die Wale bedroht? Die Herausforderung ist, die verschiedenen Perspektiven dieses sozialen Konflikts aufzuzeigen und gleichzeitig transhumanistische Fragen aufzuwerfen. Die Arbeit mit derart komplexen Themen erfordert viel Geduld und Flexibilität. Die Regisseurin musste in vielen Phasen die Dramaturgie des Films umwandeln und neue Schwerpunkte legen. Oft hatten wir eine ganze Wand voller Post-it’s , die wir immer wieder anders beklebten, um die Dramaturgie des Films zu visualisieren.

Welche Eigenschaften sollte man als Filmproduzent mitbringen?

Am wichtigsten ist Interesse und Lust am Lernen. Wenn man noch nie bei einem Kinofilm mitgearbeitet hat, kann man sich kaum vorstellen, welche Schritte und Phasen ein Film durchlaufen muss, bis er kinoreif ist. Dabei muss man immer anpassungsfähig bleiben, sodass man den Wald vor lauter Bäumen nicht verliert. Darüber hinaus sollte man über ein gewisses Feingefühl mit Filmaufnahmen verfügen. Grundkenntnisse im Filmschnitt sind auch von Vorteil. Bei hunderten Stunden Drehmaterial muss man gut selektieren können.

Was möchten Sie einmal beruflich machen?

Ich denke, um seinen Traumberuf zu finden, muss man viel ausprobieren. Meine Leidenschaften sind die Produktion von Dokumentarfilmen und die Musik. Das sind beides Felder, die ich als Kulturwissenschaftler in gewisser Weise auch akademisch erforschen könnte. Eine weitere Überlegung ist, beruflich an meine Masterarbeit anzuknüpfen. Sie wird über die Schaffung von Atmosphären durch Schaufensterpuppen handeln und ebenfalls ein Dokumentarfilm werden. Wo genau die Reise hingeht, muss ich noch herausfinden. Ich freue ich mich aber auf alles, was nach dem Studium kommt, und bleibe neugierig.

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