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Hohe Ziele – nicht nur im Studium

Studium und Leistungssport? Stabhochspringer Oleg Zernikel gelingt es, beides unter einen Hut zu bringen. Fotos: Sophia Hölz

Studium und Leistungssport? Stabhochspringer Oleg Zernikel gelingt es, beides unter einen Hut zu bringen. Fotos: Sophia Hölz

Erst hoch hinaus und nun zurück auf den Boden der Tatsachen: Normalerweise lebt Oleg Zernikel in einem Alltag zwischen seinem Umweltwissenschaftsstudium und dem Stabhochspringen. Gerade noch im Trainingslager für die Olympischen Spiele, muss er nun durch die Corona-Krise ein paar Gänge herunterschalten.

“Der Moment wenn man die Latte überquert und die Höhe geschafft hat” – das ist für Oleg Zernikel einer der Gründe, warum er das Stabhochspringen so liebt. Und das schon seit über zehn Jahren. Er war elf als sein Vater, selbst ein Weit- und Hochspringer, ihn zum ersten Mal zum Leichtathletik-Training mitnahm. Es zeigte sich bald, dass er die Übungen verschiedener Disziplinen gut umsetzen konnte. Besonders das Springen und kurze Sprints lagen ihm gut. Mit ungefähr 13 Jahren wurde ihm dann nahegelegt, sich im Stabhochsprung auszuprobieren. “Um das richtig zu machen, braucht man Zeit,” erklärt Zernikel. Man muss sich mit den Bewegungsabläufen vertraut machen, auch Körperspannung ist sehr wichtig. Erste Erfolge machten sich bei Zernikel im Laufe von etwa zwei bis drei Jahren bemerkbar. “Es steckt sehr viel technische Arbeit dahinter.” Dafür betreibt Zernikel zum Teil wochenlang Fine Tuning, das intensive Wiederholen und Verinnerlichen kleinerer Bewegungsabläufe, die beim Stabhochsprung merkliche Verbesserungen bewirken. Die Freude ist besonders groß, wenn sich das Training auszahlt und zu neuen Bestleistungen führt.

Zwischen Körper und Geist

Heute ist Zernikel 25 Jahre alt und befindet sich im vierten Semester seines Bachelorstudiums der Umweltwissenschaften am Campus Landau. Dass er seinem Sport beim ASV Landau dabei weiter nachgehen kann, ist nicht selbstverständlich. Er trainiert zwei Stunden am Tag in verschiedenen Einheiten, die über bloßen Stabhochsprung hinausgehen. Oberkörperkraft, Beintraining und Sprinten wechseln sich ab. Dazu kommen zweimal die Woche Physiotherapie sowie weitere Zeit zur Regeneration und Entspannung nach dem anspruchsvollen Training.  Wenn das Springen an der Reihe ist, muss er Fahrzeit  zu den Sprunganlagen in Zweibrücken einrechnen. Und dann gibt es natürlich noch Wettkämpfe. Diese finden in der Winter- und Sommersaison etwa einmal pro Woche statt. Die Wintersaison dauert zwei Monate und beginnt im Januar. Die Sommersaison geht von April oder Mai bis September.

Nicht jeder Studiengang ermöglicht es diese Aktivitäten mit den Lehrveranstaltungen zu vereinbaren. So war es bei Zernikels erstem Studium in Maschinenbau. Ein fester Stundenplan mit vielen Pflichtveranstaltungen und unaufschiebbare Prüfungstermine nahmen ihn stark in Anspruch. Für das Stabhochspringen blieb dadurch so wenig Zeit, dass Zernikel keine Fortschritte mehr machte und auch kaum zu Wettkämpfen gehen konnte. In Landau gestaltet sich das Studium flexibler. Er kann seinen Stundenplan weitgehend selbst bestimmen und sein Training vor- oder nachmittags einschieben. Dafür ist viel Planung im Voraus notwendig, aber mit der richtigen Koordination ist das Nebenher von Studium und Leistungssport machbar.

Im Alter von 13 Jahren begann Oleg Zernikel mit dem Stabhochspringen.

Im Alter von 13 Jahren begann Oleg Zernikel mit dem Stabhochspringen.

Die Sache mit der Qualifikation

Zernikels nächstes großes Ziel sind die Olympischen Spiele. Die Qualifikation dafür ist in Deutschland kompliziert: “Eigentlich kann dir keiner beantworten wie das funktioniert.” Vor etwa einem Jahr haben sich die Zulassungsregeln geändert. Früher sind der Erst- bis Drittplatzierte der Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften zu den Olympischen Spielen gegangen, sofern sie die Qualifikationshöhe von 5,70 m geschafft haben. Mittlerweile ist die Qualifikationshöhe auf 5,80 m gestiegen. Zudem spielt auch ein kompliziertes Punktesystem eine Rolle, dass sich aus den Wettkampfergebnissen  zusammensetzt. Über das Punktesystem könnten auch Springer eine Chance bekommen, die die Höhe nicht geschafft haben – sofern noch Plätze frei sind. Bisher sind nur zwei von drei Plätzen bei den deutschen Stabhochspringern für die Olympischen Spiele 2021 belegt.

Corona funkt dazwischen

Kürzlich befand sich Zernikel noch im Trainingslager in Südafrika, um sich für die Qualifikationshöhe zu verbessern. Seine Bestleistung liegt derzeit bei 5,55 m, sodass ihm noch “ungefährt ein DinA4 Blatt” fehlt. Wer nicht im Kader ist, das heißt, wer nicht von Sportverbänden gefördert wird, geht als Selbstzahler ins Trainingslager. Das kann sich von Jahr zu Jahr je nach Leistung eines Sportlers ändern. Zernikel wurde selbst schon gefördert, dieses mal ging er jedoch auf eigene Kosten. Eine Woche lang lief das Training gut. Dann kam die COVID-19-Pandemie und Sicherheitsbestimmungen hatten Vorrang. Die Trainingsanlagen wurden geschlossen und die Sportler mussten nach Hause fliegen.  Die Nachricht über die Verschiebung der Olympischen Spiele auf 2021 hat Zernikel mit gemischten Gefühlen aufgenommen: “Ich wusste in dem Moment nicht, ob ich mich freuen oder ärgern soll.” Schließlich arbeitet er schon seit Langem auf die Teilnahme hin: “Seit 2018 habe ich dafür ohne Ende geackert.” Gleichzeitig schätzt er die Vorsichtsmaßnahme zum Schutz der Gesundheit der Sportler, ihrer Angehörigen und allen, die sonst noch betroffen sein könnten.

Ziellos durch die Krise

“Motivation existiert gerade gar nicht, weil du nichts machen kannst,” stellt Zernikel nüchtern fest. Die Trainingsanlagen sind geschlossen. Er kann alternativ nur laufen oder zu Hause Sport treiben; das eigentliche Springen ist zur Zeit nicht umsetzbar. Eine Pause von mehr als zwei Wochen sei schon kritisch, wenn man in Form bleiben möchte. Zudem fehlen konkrete Ziele: “Die Wettkämpfe sind alle weg und dann gehst du einfach nur ins Training, damit du fit bleibst.”

Fürs Erste bleibt Zernikel nichts anderes übrig, als sich auf andere Dinge zu konzentrieren. Wenn wieder Klarheit herrscht, kann er neu planen und zum Training und den Wettkämpfen zurückkehren. Das wird voraussichtlich nicht vor dem Ende der Sommersaison oder dem Anfang der Wintersaison passieren. Dann wird er jedoch weiter auf die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2021 hinarbeiten.

Nadja Riegger

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