Ehrenamt: Studis engagiert
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Helfende Hände für den Einkauf

Laura Scherer, Philip Rünz und Anna Funke (v. l. n. r.) studieren in verschienden Städten. Alle drei engagieren sich bei der Initative "Studis gegen Corona". Foto: Sarah-Maria Scheid

Laura Scherer, Philip Rünz und Anna Funke (v. l. n. r.) studieren in verschienden Städten. Alle drei engagieren sich bei der Initative "Studis gegen Corona". Foto: Sarah-Maria Scheid

Drei Unis, drei Studierende, ein gemeinsames Ehrenamt: Laura Scherer studiert den Zwei-Fach-Bachelor für Psychologie und Soziologie auf dem Campus Koblenz, Anna Funke besucht die Uni Mainz und Philip Rünz die Duale Hochschule Baden-Württemberg in Mannheim. Alle drei erledigen Einkäufe für andere im Rahmen der Initiative “Studis gegen Corona”. Wie das Angebot angenommen wird, erzählen sie im Interview.

Ehrenamt. Foto: Perry Grone/Unsplash In unserer Serie Ehrenamt: Studis engagiert zeigen Studierende, wie man die Balance hält zwischen Stundenplan und Initiative.

Wie kame es zur Gründung der Initiative “Studis gegen Corona”?

Philip Rünz: Nach dem Corona-Shutdown waren wir wie viele Studierende zu Hause, weil die Universitäten geschlossen blieben. Wir haben uns gefragt, wie wir etwas zum Allgemeinwohl beitragen können. Es hat sich angeboten, dass wir für Risikogruppen Einkäufe erledigen.

Laura Scherer: Ich kam als Helferin zu dieser Initiative dazu, weil Philip im Freundeskreis ein bisschen Werbung für seine Sache gemacht hat.

Wie lange gibt es Studis gegen Corona schon? Wie viele Aktive sind Sie?

Anna Funke: Die Organisation gibt es seit Anfang März. Da haben wir uns mit ein paar Leuten zusammengeschlossen und das Organisationsteam gegründet. Anschließend haben wir angefangen, Werbung zu machen, Flyer zu verteilen und auf uns aufmerksam zu machen. Wir haben uns weiterentwickelt und weitere Helfer aus dem Freundesreis oder Personen, die sich auf Zeitungsartikel oder Radiowerbung gemeldet haben, gefunden.

Rünz: Im Organisationsteam sind wir etwa zehn Leute. Insgesamt gibt es etwa 25 Personen, die uns beim Einkaufen helfen. Grundsätzlich ist unser Einkaufsservice für Koblenz und dessen Vororte vorgesehen, aber wenn ein Auftrag ankommt, der etwas außerhalb liegt, lehnen wir ihn nicht sofort ab, sondern schauen, ob wir es realisieren können.

Ist der Service gefragt? Haben Sie viele Kunden?

Funke: Ja, wir haben viele Kunden, die wöchentlich bei uns bestellen. Wir haben es so geregelt, dass derselbe Helfende denselben Kunden bedient. Das ist oft sehr angenehm, weil man die Leute schon ein bisschen kennenlernt. Die Leute freuen sich, wenn sie bekannte Gesichter wiedersehen. Der Dienst ist sehr gefragt in Alters- und Seniorenheimen. Dort haben wir bis vor kürzlich jeden Tag Helfer hingeschickt, die für die Bewohner einkauften. Langsam gibt es aber einen Rückgang bei den Bestellungen.

Wie läuft der Einkauf und die Übergabe ab? Wie koordinieren Sie den Service?

Scherer: Das kommt ganz darauf an. Bei Seniorenheimen kommen schon mal bis zu zehn Bestellungen am Tag rein. Die Person, die den Auftrag annimmt, hat keinen Kontakt mit den Bewohnern, sondern gibt alles vorne an der Rezeption der Seniorenheime ab. Bei Privatpersonen ist es meistens so, dass das immer dieselben Leute machen.

Funke: Im Pflegeheim oder Altersheim sieht es folgendermaßen aus: Man kommt rein, muss einen Mundschutz tragen und darf nur einen Vorraum betreten. Anschließend erhält man Umschläge mit dem nötigen Geld und Einkaufszetteln. Meist haben die Bewohner des Pflegeheimes aufgeschrieben, was sie genau haben möchten, welche Produktmarke sie sich wünschen und wie viel es ungefähr kosten wird. Nach dem Einkauf erfolgt die Warenabgabe an der Rezeption des Pflegeheimes. Man hat keinen direkten Kontakt zu den Bewohnern.

Scherer: Privatpersonen rufen bei uns an und geben ihren Einkauf telefonisch durch. Manche möchten bestimmte Produkte aus bestimmten Geschäften. Das berücksichtigen wir auch. Bei der Übergabe geht man aber ein paar Schritte zurück, sodass man sich nicht zu nahekommt. Dann nimmt die Person den Einkauf entgegen und erhält das Geld in einem Umschlag.

Sichere Übergabe: Die "Studis gegen Corona" achten darauf, das Infektionsrisiko beim Abliefern der Lebensmittel möglichst gering zu halten. Foto: Privat

Sichere Übergabe: Die “Studis gegen Corona” achten darauf, das Infektionsrisiko beim Abliefern der Lebensmittel möglichst gering zu halten. Foto: Privat

Welchen Kundenkreis decken Sie ab?

Scherer: Überwiegend sind es Senioren. Wir haben aber auch schon ein paar jüngere Menschen beliefert, die Vorerkrankungen haben.

Rünz: In der momentanen Entspannung der Corona- Situation gehen die Menschen wieder in Geschäfte und nehmen aktiver am alltäglichen Leben teil. Dies wirkt sich auf die Nachfrage unseres Services aus: Sie hat abgenommen. Es ist gut, wenn die Menschen wieder raus gehen können, weil das Ansteckungsrisiko geringer ist. Sollte jedoch noch mal etwas passieren im Kontext von Corona, werden wir wieder da sein, um zu helfen.

Machen Sie die Arbeit komplett ehrenamtlich oder werden sie gefördert?

Rünz: Die Initiativarbeit ist vollkommen ehrenamtlich. Wir haben keine Einnahmen, höchstens Trinkgelder. Wir machen das vollkommen des Helfens wegen.

Ist der Arbeitsaufwand hoch?

Scherer: Ich kann nur von mir sprechen: Ich kaufe einmal in der Woche für ein Pflegeheim ein. Dies ist meist ein zeitlicher Aufwand von ein, maximal zwei Stunden. Als Student ist das absolut mit dem Alltag zu vereinbaren. Und man ist froh über ein bisschen Abwechslung.

Funke: Wir machen es oft so, dass die Helfer feste Tage haben, an denen sie einkaufen gehen. Ich gehe immer samstags für eine ältere Dame einkaufen. Dann weiß sie genau, wann sie Ihre Lebensmittel bekommt und ich weiß, an welchem Tag ich meine Einkäufe erledige. Man kann das alles planen – wir wollen niemanden mit der Arbeit überfordern. Man hat jetzt ein bisschen mehr Zeit, aber man studiert ja trotzdem, auch wenn es online ist.

Rünz: In der für uns unerwartet eingetretene Hochzeit haben wir als Team ungefähr 30 bis 35 Einkäufe pro Woche erledigt. Das hat dazu geführt, dass wir mittlerweile insgesamt über 200 Einkäufe getätigt haben.

Welches Feedback bekommen Sie für Ihre Arbeit?

Scherer: Ich habe bisher noch keinerlei negative Erfahrungen gemacht, bin weder ausgenutzt noch hintergangen worden, noch hatte ich irgendeine unfreundliche Begegnung. Bisher war alles sehr positiv. Ich wurde immer mit sehr dankenden Worten empfangen, habe Kleinigkeiten zum Dank geschenkt bekommen. Die Kunden sind immer sehr herzlich.

Funke: Man merkt, dass die Leute sehr dankbar für die Hilfe sind. Sie bedanken sich immer wieder. Als die Eisdielen jetzt wieder geöffnet wurden, habe ich von einer Frau extra Trinkgeld bekommen, damit ich mir ein Eis kaufen kann. Man merkt wirklich, dass die Leute sehr dankbar sind und wir haben noch keine negativen Erfahrungen damit gemacht, dass Leute nicht bezahlen wollten. Es gibt durchweg positives Feedback.

Rünz: Der bewegenste Moment war ein Anruf aus Ostfriesland. Jemand hat zum Geburtstag seiner Mutter Kuchen und Sekt bestellt. Das haben wir ausgeführt und konnten für einen schönen Geburtstag sorgen.

Wie erleben Sie den persönlichen Kontakt zu den Menschen, die Sie beliefern?

Funke: Ich gehe jetzt schon längere Zeit immer für dieselbe Frau einkaufen. Mittlerweile ruft sie mich einmal die Woche an und wir quatschen eine Viertelstunde. Sie hat schon gefragt, ob ich sie nach Corona mal besuchen kommen würde. Sie sitzt im Rollstuhl und ist nicht mehr so mobil, dass sie alles allein machen kann. Es ist schön, wenn Beziehungen entstehen, die wir nach Corona weiterführen können.

Funke: Selbst bei den Pflegeheimen, wo man zu den Bewohnern keinen direkten Kontakt hat, ist es schon öfter vorgekommen, dass Bewohner auf dem Balkon oder an den Fenstern saßen, uns direkt erkannten und gewunken haben. Man erfährt eine sehr hohe Wertschätzung. So macht das ehrenamtliche Arbeiten noch einmal viel mehr Freude.

Wie geht es nach Corona weiter?

Funke: Wir haben die Initiative primär gegründet, um Corona-Hilfe zu leisten. Wir haben aber festgestellt, dass gerade in Pflege und Seniorenheimen viel ehrenamtliche Hilfe benötigt wird, die nichts mit dem Einkaufsservice zu tun hat. Auf lange Sicht werden wir deswegen Senioren- und Pflegeheime weiterhin unterstützen, abseits von Corona.

Rünz: Wir haben gemerkt, dass die Hilfsbereitschaft sehr groß ist. Wir möchten als Vermittler fungieren, der Kontakt zwischen Studierenden und Pflegeheime herstellt, um ehrenamtliche Arbeiten zu ermöglichen. Nicht nur auf den Raum Koblenz bezogen, sondern überregional. Dafür beabsichtigen wir, unsere Initiative in einen eingetragenen Verein umzuwandeln. Wir versuchen aktuell, unser Projekt ein wenig voranzutreiben, damit wir noch etwas Nachhaltiges und Langfristiges erschaffen können. Letzte Woche haben wir die ersten Einkäufe für die Region Mainz im Rahmen von Studis gegen Corona durchgeführt.

Was begeistert Sie an Ihrer Tätigkeit?

Rünz: Im Allgemeinen lernt man unglaublich viel dazu. Gerade, dass man mit sehr vielen Menschen spricht: Sei es der Geschäftsleiter, der einem unbedingt helfen möchte, die Stadt Koblenz selbst oder die Telefonate, die man mit Pflegeheimen führt. Bei der Organisationsarbeit für die Initiative sieht und erlebt man viel. Es ist erweiternd für den eigenen Horizont.

Haben Sie Angst vor einer möglichen Infektion?

Rünz: Gerade zu Beginn war es natürlich so, dass man sehr darauf achten musste, sich nicht zu infizieren. Da haben wir uns regelmäßig die Hände desinfiziert, Atemmasken und Handschuhe getragen, damit wir unsere Kunden auf keinen Fall anstecken. Momentan spiegelt sich in der Gesellschaft eine geringe Angst vor einer Infektion wider. Diese Stimmung lässt sich auch auf die Initiative übertragen

Scherer: Ich kann mich da nur anschließen. Dadurch, dass wir Verantwortung gegenüber unseren Kunden haben, war zu Beginn der Pandemie auf jeden Fall eine gewisse Angst da. Ich hätte es persönlich nicht verantworten können, wenn ich durch die Übergabe eines Einkaufs irgendjemanden angesteckt hätte.

Funke Auch wenn das Infektionsrisiko aktuell  geringer ist, tragen wir natürlich alle noch Masken und versuchen, auf Abstand zu bleiben. Wir sind immer noch sehr vorsichtig.

Wie kann man sich bei Ihnen anschließen?

Funke: Wir haben eine Internetseite–  keine Scheu, wir freuen uns über jeden, der mitmacht und etwas beitragen will. Man muss nicht studieren. Die Initiative heißt zwar Studis gegen Corona, aber nur weil wir Gründer alle Studierende sind. Wenn sich Menschen engagieren wollen, die nicht studieren, dann werden wir nicht nein sagen.

Interview: Sarah-Marie Scheid

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