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Grindcore für die Ukraine

Mit dem Sampler Grind4Ukraine sammelt Christoph Thiem Geld für Hilfsmaßnahmen in der Ukraine. Der Student hat über 90s Bands zusammengetrommelt, die Musikstücke für das Charity-Projekt bereitstellten. Foto: Sarah-Maria Scheid

Mit dem Sampler Grind4Ukraine sammelt Christoph Thiem Geld für Hilfsmaßnahmen in der Ukraine. Der Student hat über 90s Bands zusammengetrommelt, die Musikstücke für das Charity-Projekt bereitstellten. Foto: Sarah-Maria Scheid

Mit Musik ein Zeichen der Solidarität setzen – das hat Christoph Thiem mit dem Launch des ersten solidarischen Extreme-Metal-Samplers Grind4Ukraine, Volume 1  geschafft. Der der BioGeoWissenschaften-Student, Musiker und Koch hat innerhalb kürzester Zeit weltweit eine Vielzahl von Bands aus dem Grindcore und verwandten Genres animieren können, einen Song für sein Projekt bereitzustellen. Mit diesen konnte er drei Alben füllen. Die Erlöse aus dem Verkauf gehen als Spende an die Ukraine.

Die Situation in der Ukraine ist immer noch verheerend. Wie kamst du auf deine Solidaritätsaktion?

Ich bin nach dem Wochenende, an dem Russland die Ukraine überfallen hat, nach Berlin gefahren. Ursprünglich hatte ich geplant, dort ein paar Restaurants zu testen. Allerdings war die politische Situation immer in meinem Kopf. Da ich mich handlungsunfähig fühlte, hatte ich die Idee, einen Song zu produzieren und ihn zusammen mit einigen befreundeten Künstlern auf einem Charity-Album zu veröffentlichen. Zunächst habe ich gedacht, dass ich vielleicht zehn, fünfzehn Bands für 30 bis 45 Minuten Material zusammenbekomme. Schließlich sind es 90 Bands auf drei Samplern geworden. Dabei sind Musiker und Musikerinnen nicht nur aus Europa, sondern aus der ganzen Welt – beispielsweise aus Indonesien, Brasilien, Kanada, Norwegen, Griechenland und sogar Australien – mit im Boot. Das erste Release ist bereits zum Download auf  Bandcamp verfügbar. Die restlichen Tracks kommen dann nach und nach, je nachdem, wie schnell die Post-Produktion weiterläuft. Ein T-Shirt zum Projekt ist bereits käuflich zu erwerben.

Die Organisation hat sicherlich viel Zeit gekostet. Wie hast du das gestemmt?

Ich bin der Typ, der etwas aus dem Nichts heraus auf die Beine stellt und ohne Konzept durchzieht. (lacht) Ich organisiere das meiste allein, trotz Vollzeitjob als Koch und Studium. Beim Logo und beim Artwork fürs Cover habe ich glücklicherweise Hilfe bekommen. Beides hat eine Freundin  in Rekordzeit gemacht. Werbung, Website, Shop und Mailverkehr plane und gestalte ich selbst. Wenn man alles tausendmal überdenkt, stellt sich das Gefühl ein, man kommt am Ende nicht so weit. Ab einem gewissen Punkt wird der Organisationsaufwand aber kleiner. Dann muss ich mich noch darum kümmern, Spenden zu bündeln und weiter Werbung zu machen.

Hattest du zwischendurch mit Schwierigkeiten zu kämpfen?

Das größte Problem war, dass durch die Explosion der Aktion die Kosten größer wurden als ursprünglich kalkuliert. Ich habe erst alles privat finanziert und später glücklicherweise noch enorme Unterstützung erhalten. Die Finanzierung war für mich lange Zeit ein großer Stressfaktor. Ein weiteres Problem ist definitiv Schlafmangel. Ich schlafe seit Anfang März vier oder fünf Stunden, weil ich teilweise bis spät in die Nacht Mails beantworte und Dinge organisiere. Allerdings habe ich noch nie so einen Antrieb gespürt wie den letzten zwei Monaten. Meine Motivation hat mir unglaublich viel Energie gegeben.

Wie hast du die Bands für die Song-Compilation gefunden?

Es sind Bands aus dem Grindcore,  aber auch aus den Bereichen Extreme- und Black-Metal dabei. Tatsächlich war das ein sich selbst verstärkender Effekt. Ich habe Kolleginnen und Kollegen angeschrieben. Die haben die Infos zur Aktion gestreut. Je mehr Bands dazugekommen sind, desto mehr Leute haben das mitbekommen.

Kannst du Grindcore näher beschreiben?

Grindcore steht gewissermaßen zwischen Punk und Metal. Von der Attitude ist es Punk, vom Sound her Metal und komplett “konventionslos”. Die meisten außenstehenden Menschen würden vielleicht sagen: “Das klingt wie Krieg.” Viele etablierte Bands sind sehr politisch und aus der Antikriegsszene der 80er Jahre gewachsen.

Bist du mit deiner eigenen Band „Geocide“ auf dem Sampler vertreten?

Nein, allerdings bin ich mit meinem Soloprojekt „Scharlach“ dabei. Das Projekt soll aber nicht zur Promotion für mich selbst dienen. Unser Ziel ist es, auf das Leid im Ukrainekrieg aufmerksam zu machen und uns solidarisch zu zeigen. Das hat jede einzelne Band mit ihrem Song bereits getan. Unsere Botschaft lautet ganz klar: „Wir stehen – egal wo auf der Welt – gegen den Krieg!“

Was genau passiert mit den Einnahmen aus dem Verkauf der Sampler und T-Shirts?

Alles, was über die Produktionskosten hinaus geht, wird gespendet. Ich habe eine Umfrage unter den Bands dazu durchgeführt, an welche Organisation die Spenden gehen sollen. Ich möchte das nicht über die Köpfe der Bands entscheiden. Inzwischen laufen die Spenden über das offizielle Portal United24 vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj für Wiederaufbau und medizinische Hilfe, und ein Teil geht an das Grindcore-Webzine “Good Guys Go Grind”, das in Kiew Helferinnen und Helfer unterstützt. Wenn jede Band nur fünf Follower dazu bringt, einen Sampler für 15 € zu kaufen, kommt schon eine sehr große Summe zusammen.

Wie macht ihr auf das Projekt aufmerksam?

Ich bewerbe die Initiative gerade über die Homepage und Instagram, versuche aber auch Kontakt zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen und Radio zu bekommen. Ich möchte so viel wie möglich durch Mundpropaganda erreichen. Ich hoffe da auf einen ähnlichen Effekt wie bei der Bandsuche. Indirekt ist das ja auch Werbung für die Bands.

Wie kann man dich unterstützen?

Ich kann leider schlecht Aufgaben abgeben, aber ich habe auf der Website verlinkt, wie man die Ukraine direkt unterstützen kann. Man kann mein Projekt teilen oder spenden, auch wenn man die Musik nicht so sehr mag.

Sarah-Maria Scheid

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