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Gerechtigkeit und Alltag: Gleichstellungsarbeit an der Universität

Dr. Tanja Gnosa kümmert sich an der Universität Koblenz-Landau um Themen, die Gleichstellung der Geschlechter betreffen. Als zentrale Gleichstellungsbeauftragte ist sie sowohl für den Campus Landau, als auch den Verwaltungsstandort Mainz zuständig. Foto: Privat

Dr. Tanja Gnosa kümmert sich an der Universität Koblenz-Landau um Themen, die Gleichstellung der Geschlechter betreffen. Als zentrale Gleichstellungsbeauftragte ist sie sowohl für den Campus Landau, als auch den Verwaltungsstandort Mainz zuständig. Foto: Privat

Dr. Tanja Gnosa ist 2021 vom Senatsausschuss Koblenz zur zentralen Gleichstellungsbeauftragten der Universität Koblenz-Landau für den Campus Koblenz und den Verwaltungsstandorts Mainz bestellt worden. Sie tritt ein Amt an, das steigende Aufmerksamkeit erfährt und wichtiger denn je ist. Über die täglichen Herausforderungen ihrer Arbeit, die Relevanz von Gleichstellungsarbeit sowie eigene Erfahrungen mit Ungerechtigkeiten berichtet  Tanja Gnosa im Interview.  

Wie kann man sich die Arbeit einer Gleichstellungsbeauftragten vorstellen? 

Als Gleichstellungsbeauftragte der Universität hat man die Aufgabe, die Gleichstellung der Geschlechter an der gesamten Uni umzusetzen. Dazu gehört es, Besetzungs- und Berufungsverfahren aus Gleichstellungsperspektive zu begleiten, aber vor allem, „Lobbyarbeit“ in Gremien wie dem Senat oder dem Hochschulrat zu machen. Ich bin außerdem Ansprechpartnerin in Fragen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder Studium sowie bei sexualisierter Belästigung und Gewalt im Unikontext. Das wissen leider viel zu wenige.


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Schlummerte schon immer ein Selbstverständnis als Gleichstellungsbeauftragte in Ihnen? 

Im Gegenteil. (lacht) In der Retrospektive kann man aber sagen, dass ich schon früh mit kulturell konstruierten geschlechtlichen Ungleichheiten konfrontiert war. Zu Beginn meines Studiums in den Neunzigern an einer technischen Universität gab es viele Erzählungen aus den Maschinenbauvorlesungen. Die rund 900 Männer haben die wenigen Frauen beim Betreten des Saals mit einem Konzert aus Pfiffen empfangen. Darüber habe ich zwar den Kopf geschüttelt, mehr aber auch nicht. Ich habe damals für normal gehalten, was mir als normal vermittelt worden war: Dass Männer eben so sind und dass Frauen damit zurechtkommen müssen.

Auch in meinem Studium hatte ich zunächst nicht das Gefühl, dass ich mehr leisten muss als meine männlichen Kommilitonen. Heute glaube ich, dass dem nicht so war. Der Professor, bei dem ich meinen Abschluss gemacht und für den ich auch als studentische Hilfskraft gearbeitet habe, hatte größtenteils männliche Studenten. Diese hat er in den Himmel gelobt, obwohl sie aus meiner Sicht inhaltlich nicht besser waren als ich. Ich musste mich mehr anstrengen, um Anerkennung zu bekommen.

Wie sind Sie zum Amt gekommen? 

Bei der konstituierenden Sitzung des Rats am Institut für Germanistik fragte meine Vorgängerin, Professorin Dr. Helga Arend, ob sich inzwischen eine neue dezentrale Gleichstellungsbeauftragte für den Fachbereich 2 gefunden habe. Ehe ich mich versah, wurde ich gewählt. Anschließend wurde das Amt der Gleichstellungsbeauftragten für den Campus Koblenz und den Standort Mainz vakant. Anfragen habe ich anfangs abgelehnt, weil ich noch auf eine wissenschaftliche Karriere hoffte, ohne mich völlig dafür aufzuopfern. (lacht) Ende 2020 habe ich mich dann dafür entschieden und wurde Anfang 2021 vom Senatsausschuss Koblenz bestellt.

Stellt Sie Ihre Arbeit vor Herausforderungen? 

Auf jeden Fall. Gleichstellungsbeauftragte müssen täglich Hürden überwinden. Die Finanzierung von Gleichstellungsmaßnahmen ist eins der größten Probleme. Aber auch in Gremiensitzungen gibt es immer wieder Menschen, die nicht so davon überzeugt sind, dass Gleichstellungsarbeit „heute noch“ notwendig ist. Auch bei der Gremien- und Ausschussbildung versuche ich sicherzustellen, dass die paritätische Besetzung beachtet wird, die oft bei der Nominierung von Kandidat*innen keine große Rolle spielt. Hier bin ich in meiner Funktion gefragt. 

Das klingt nach einem fordernden Arbeitsalltag. Wie bekommen Sie alles unter einen Hut? 

Nur schwer. (lacht) Ich versuche andauernd, den Überblick über die Gleichstellung der Geschlechter, über die Familienvereinbarkeit und den Schutz vor sexualisierter Belästigung zu behalten. Ich bin nicht nur für die Professor:innen, den akademischen Mittelbau und alle Studierenden, sondern auch für die Hochschulsekretär:innen, alle Verwaltungsmitarbeitenden und die Mitarbeitenden in den zentralen Einrichtungen und Projekten zuständig. Dafür müsste man eigentlich fast alles wissen, was am Campus und in Mainz so läuft – das ist natürlich unmöglich. Ich bin daher täglich mit neuen Herausforderungen konfrontiert, denen ich mich aber gerne stelle. 

Sie sind für die Dauer Ihrer Tätigkeit als Gleichstellungsbeauftragte von Lehre und Forschung freigestellt. Fehlt Ihnen diese Arbeit manchmal? 

Da ich immer gern anderen die Welt erklärt habe, fehlt mir die Lehre natürlich. (lacht) Momentan habe ich aber das Gefühl, dass ich im Amt der Gleichstellungsbeauftragten mehr bewegen kann als Dozentin und Forscherin.

Was macht den Einsatz von Gleichstellungsbeauftragten an Universitäten so wichtig?

Grundsätzlich halte ich den Einsatz von Gleichstellungsbeauftragten in allen Institutionen für sehr wichtig. Für Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften gibt es eine besondere gesellschaftliche Verpflichtung der Gleichstellungsarbeit. Bildungseinrichtungen erfüllen eine Multiplikator-Funktion. Was hier vorgelebt wird, hat einen wichtigen Einfluss. Wenn bei uns nicht eindeutig klar gemacht wird, dass alle Geschlechter denselben Wert und dieselben Möglichkeiten haben, dass sich Familie und Beruf oder Studium vereinbaren lassen, ohne dass dabei eines der Elternteile zurückstecken muss, dass sexualisierte Belästigung und Gewalt in einer offenen, chancengerechten, demokratischen Gesellschaft keinen Platz haben – wo denn bitte dann? 

Was raten Sie Frauen, die sich im Universitätskontext benachteiligt fühlen? 

Ich rate allen Frauen, die das Gefühl haben, aufgrund Ihres Geschlechts diskriminiert zu werden, sich entweder an meine Kolleginnen in den Fachbereichen oder direkt an mich zu wenden. Wir nehmen die Beschwerden auf und besprechen in Ruhe, welche weiteren Schritte folgen. Ganz wichtig: Wir sind per Gesetz zur Verschwiegenheit verpflichtet und unternehmen nichts, was nicht gewünscht ist. Niemand muss sich darum sorgen, dass ein Stein ins Rollen gebracht wird, den man nicht mehr aufhalten kann.

Gehen Sie aufgrund Ihrer beruflichen Expertise mit Benachteiligung anders um, wenn Sie sie selbst erfahren? 

Mein Blick ist wahrscheinlich geschärft für die vielen, auch subtilen Formen von Benachteiligung, mit denen sich Mitglieder marginalisierter Gruppen tagtäglich herumschlagen müssen. Als weiße, westliche Mittelstandsfrau bin ich ziemlich privilegiert. Die Sensibilisierung für Benachteiligungen führt bei eigener Betroffenheit dazu, dass ich sie besser erkenne. Was aber nicht automatisch heißt, dass ich damit in jeder Situation souveräner umgehe.

Haben Sie ein Beispiel einer solchen alltäglichen Situation?

Ich würde sagen, “mansplaining” ist ein Phänomen, von dem ich recht häufig betroffen bin. Das meint die belehrenden Erklärungen eines Mannes gegenüber anderen, der davon ausgeht, er wisse mehr über den Gesprächsgegenstand und müsse sein Gegenüber unterweisen. Wenn mir das zu viel wird, sage ich es. 

Fühlen Sie sich in Ihrer Arbeit wertgeschätzt? 

Ja und nein. Als Gleichstellungsbeauftragte ist man häufig ein notwendiges Übel, denn meine Kolleginnen und mich gibt es, weil es das Hochschulgesetz vorsieht. Ich weiß nicht, ob sich die Universitäten Gleichstellungsbeauftragte leisten würden, wenn es nicht den rechtlichen Zwang und den politischen Willen gäbe. Außerdem machen wir die ohnehin schon nicht besonders geschmeidigen Verwaltungs- und Gremienabläufe noch ein bisschen zäher. Andererseits gibt es viele Menschen, die sich für die Gleichstellung der Geschlechter, gegen Diskriminierung und Gewalt einsetzen, das gibt mir Rückhalt.

Wie wahrscheinlich ist es Ihrer Meinung nach, dass jemals eine vollständige Gleichberechtigung der Geschlechter eintritt? 

Ein Grundsatz der menschlichen Wahrnehmung ist die Wahrnehmung von Differenzen. Aufgrund dieser Unterschiede bilden wir Kategorien. Die vermeintliche Zweigeschlechtlichkeit ist eine der wirksamsten und hartnäckigsten Kategorienbildungen in der Menschheitsgeschichte. Ich fürchte, allein das macht es unmöglich, dass alle Menschen gleichberechtigt sein können. Wir schaffen es vielleicht, die Grenzen dieser Kategorien aufzuweichen. Solange es sie gibt, werden wir sie aber mit Bewertungen, Attributen und Erwartungen belegen.

Was entgegnen Sie Menschen, die den Einsatz für Gleichberechtigung für aussichtslos halten?

Dass steter Tropfen den Stein höhlt und dass wir uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen müssen.

Interview: Elena Panzeter

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