So wohnt der Campus
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Gemeinschaft, die echt gelebt wird

Felix Hoyer lebt in einer WG, in der Gemeinschaft groß geschrieben wird. Initiiert wurde das Konzept der alternativen Wohngemeinschaft von der Diakonissen Bethesda Landau. Fotos: Sara Pipaud

Felix Hoyer lebt in einer WG, in der Gemeinschaft groß geschrieben wird. Initiiert wurde das Konzept der alternativen Wohngemeinschaft von der Diakonissen Bethesda Landau. Fotos: Sara Pipaud

Felix Hoyer (21) studiert Förderschullehramt in Landau. Nebenbei arbeitet er als studentische Aushilfe bei den Diakonissen Bethesda Landau und ist bei der Freiwilligen Feuerwehr tätig. Hoyers WG ist keine gewöhnliche: Er wohnt mit acht Menschen, davon vier mit Unterstützungsbedarf, in einer Wohnung auf dem Landesgartenschaugelände. Wie er dazu kam und wie das Leben dort ist, erzählt er im Interview. 

Wie bist du auf die WG gekommen und wie lange wohnst du schon dort?

So wohnt der Campus. Foto: Amanda Vick/UnsplashFür die Serie So wohnt der Campus gewähren uns Studierende und Lehrende Einblicke in die eigenen vier Wände.

Auf die WG bin ich auf ganz konventionellem Weg gestoßen. Ich habe auf “WG-Gesucht” geschaut und habe sie dort gefunden. Davor habe ich in einem Studentenwohnheim gelebt. Von zu Hause bin ich es allerdings gewöhnt, dass immer was los ist und habe daher schnell festgestellt, dass das Alleinewohnen nichts für mich ist. Als ich dann durch die Beschreibung der WG erfahren habe, welches Konzept dahintersteckt, habe ich mich direkt beworben. Eingezogen bin ich im Juli 2019.

Welche welcher Grundgedanke steckt hinter der WG?

Der Grundgedanke besteht darin, dass Menschen mit Unterstützungsbedarf die Möglichkeit geboten wird, anders zu leben als stationär oder bei ihren Eltern. In dem Wohnmodell der inklusiven WG leben Bewohner:innen mit und ohne Unterstützungsbedarf zusammen und profitieren voneinander. Ziel des Wohnprojektes ist natürlich die Eingliederungshilfe und das Erlernen der Selbstständigkeit. Das Ganze aber auch mit dem Hintergedanken, dass manche Bewohner:innen danach alleine wohnen können.

Esszimmer, Wohnzimmer und Küche sind offen, hell und bieten genug Platz für acht Personen.

Esszimmer, Wohnzimmer und Küche sind offen, hell und bieten genug Platz für acht Personen.

Wie würdest du euer WG-Leben beschreiben? Wie funktioniert es?

Die WG ist eine Art “Durchreisestation” für all ihre Bewohner:innen mit unterschiedlichen Zwecken. Das WG-Leben an sich ist wie in jeder anderen WG auch: mit Putzplan, zusammen kochen, Partys und gemeinsamen Unternehmungen. Es gibt aber zwei Besonderheiten bei uns: Alle haben ein eigenes Badezimmer und es gibt verschiedene Dienste. Diese bestehe darin, dass zu jeder Tages- und Nachtzeit mindestens eine Person da ist, falls jemand Hilfe braucht. Aber das hält sich alles relativ in Grenzen, da alle sehr selbstständig sind. Hauptsächlich steht man in Bereichen wie Kochen und Haushalt mit Rat und Tat zur Seite, wenn Fragen aufkommen. Die Dienste sind so aufgeteilt, dass man einen Wochentag zugeteilt bekommt und ein Wochenende im Monat, an dem man da sein muss.

Was bedeutet “Unterstützungsbedarf”?

Bei uns in der WG verstehen wir den Begriff “Unterstützungsbedarf” im Sinne der Eingliederungshilfe. Das Wohnkonzept zielt darauf ab, unsere Bewohner:innen mit Unterstützungsbedarf auf ein selbstständiges Wohnen vorzubereiten. Dabei geht es aber nicht um “den” Unterstützungsbedarf, da jeder unserer Mitbewohner:innen in unterschiedlichen Bereichen Hilfe benötigt. Konkrete Beispiele sind die Hilfe beim Putzen und die Beantwortung von Alltagsfragen. Es gehören auch Erinnerungen zum Beispiel an die Hygiene dazu. Pflegerische Tätigkeiten zählen nicht zu unseren Aufgaben. Für uns ist es sehr wichtig, allen auf Augenhöhe zu begegnen und sie soweit wie möglich bei einem selbständigen Handeln zu unterstützen.

Welche sind, deiner Meinung nach, die größten Unterschiede zu anderen WGs?

Bis auf das Konzept eigentlich nichts. Wir sind alles andere als eine Zweck-WG. Alle verstehen sich gut und wir verbringen gerne Zeit miteinander. Etwas sehr Besonderes ist bei uns, dass hier Gemeinschaft echt gelebt wird. Alle haben die gleichen Rechte und alle können machen, was sie möchten. An oberster Stelle steht für uns alle ein gutes Miteinander und die Berücksichtigung der Bedürfnisse aller. Natürlich kommt es auch mal zu Zankereien, aber die gibt es ja eigentlich in jeder WG.

In der WG fühlt sich jeder zuhause und man verbringt gerne Zeit zusammen.

In der WG fühlt sich jeder zuhause und man verbringt gerne Zeit zusammen.

Weißt du schon wie lange du hier wohnen bleibst?

Mein Mietvertrag ist unbefristet, also eigentlich so lange wie ich möchte. Die Mitbewohner:innen ohne Unterstützungsbedarf bleiben im Schnitt zwischen ein bis drei Jahren. Da viele der Bewohner:innen Studierende sind, ist das so die ungefähre Zeitspanne eines Bachelorstudiums. An einer Universität eingeschrieben zu sein ist aber keine Voraussetzung, wenn man hier wohnen möchte. Auch Berufstätige haben diese Möglichkeit.

Wie hoch sind die Mietkosten für ein Zimmer in der WG?

Es gibt keine Miete im konventionellen Sinne. Wir wiegen unsere Mietkosten mit unseren Dienststunden pro Monat auf. Dadurch erhalten wir quasi den Wohnraum als Leistung für unsere ehrenamtliche Tätigkeit. Hinzukommen aber noch 85 Euro Nebenkosten, Internet und fünf Euro Haushaltsgeld pro Monat. Jedes Zimmer hat inklusive Bad ungefähr 20 bis 25 Quadratmeter. Meins ist das Größte mit circa 30 Quadratmetern, das habe ich anfangs beim Knobeln gewonnen (lacht).

Felix Zimmer in der WG ist mit seinen 25 qm groß und hell. Es bietet genug Platz und hat auch ein eigenes Badezimmer.

Felix Zimmer in der WG ist mit seinen 25 qm groß und hell. Es bietet genug Platz und hat auch ein eigenes Badezimmer.

Gibt es auch mal Schwierigkeiten oder Herausforderungen für dich?

Wir haben in der WG keine pädagogischen Aufgaben. Trotzdem ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich Konfliktsituationen auf pädagogische Herangehensweise zu lösen versuche. In solchen Momenten versuche ich mir in Erinnerung zu rufen, dass meine Aufgabe darin besteht, zu einem WG-Leben beizutragen, in dem alle ihre Persönlichkeit entfalten können und ich nicht als Pädagoge Harmonie gewährleisten muss. Konflikte gehören schließlich in jeder WG dazu.

Würdest du es weiterempfehlen, in diesem Wohnprojekt zu wohnen?

Ich würde es jedem weiterempfehlen und ans Herz legen, der von solchen Konzeptionen erst einmal zurückschreckt. Ich rate jedem, sich darauf einzulassen, da es im Endeffekt um das Zwischenmenschliche geht. Es sind nicht die Umstände, sondern es kommt einfach darauf an, ob es mit den Leuten passt, mit denen man zusammenlebt. Für mich persönlich ist es genau das, was ich mir vorgestellt habe und noch viel mehr. Ich fühle mich sehr wohl hier.

Was nimmst du von der Zeit dort mit?

Da es für mich auch die erste Wohngemeinschaft ist, in der ich lebe, natürlich die klassischen WG-Erfahrungen: Wie funktioniert der Putzplan, wie muss ich mich mit dem anderen absprechen und vieles mehr. Abgesehen davon aber auch Kompromisse einzugehen und Verantwortung zu übernehmen. Und natürlich auch, wie Inklusion in der Praxis funktioniert.

Sara Pipaud 

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