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Garten Herlet – ein Kleinod in Gefahr

Dorothee Killmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Campus Koblenz. Sie setzt sich für den Erhalt des Gartens ein. Fotos: Sarah-Maria Scheid

Dorothee Killmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Campus Koblenz. Sie setzt sich für den Erhalt des Gartens ein. Fotos: Sarah-Maria Scheid

Der kleine Schul- und Mehrgenerationengarten liegt versteckt hinter dem alten Bunker „Nagelsgasse“ am Herletweg. Agnes Herlet (Witwe Herlet genannt) schenkte den Garten 1980 der Stadt mit der einzigen Forderung, ihn als Nutzgarten und Naherholungsgebiet für die Koblenzer Bürger:innen zur Verfügung zu stellen. Doch nun soll der Garten für einen Hotelbau temporär weichen. Viele Engagierte, auch vom Campus Koblenz, setzen sich für den Erhalt ein.

Das Vorhaben

Der Garten existiert als freier Baugrund schon seit mehreren Jahrhunderten. Dort hat sich ein sehr artenreicher Biotop entwickelt, mit vielen Vögeln, Insekten und verschiedenen  Pflanzengesellschaften. Nun soll er für den Bau zweier Hotelkomplexe als temporäre Abstellfläche für Bagger und diverse Baugeräte zerstört werden. Unter dem Garten wird eine Tiefgarage entstehen, und er soll mit einer Art Fußgängerbrücke überbaut werden. Laut Plan werden dafür rund drei Viertel des Gartens in Anspruch genommen. Ein kleiner Teil mit zwei Schwarzpappeln soll stehen bleiben.

Der Garten ist ein Ort der Begegnung. Das soll er bleiben.

Der Garten ist ein Ort der Begegnung. Das soll er bleiben.

Artenvielfalt muss erhalten bleiben

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“Die Äußerung, ihn nach der Baumaßnahme in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen, ist biologisch gesehen nicht möglich. Ein Großteil der Flora und Fauna wird unwiederbringlich zerstört. Alle Wildbienen sind in Deutschland gesetzlich geschützt, und die Fledermäuse, die dort leben, stehen sogar nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) unter europaweitem Schutz”, erklärt Dorothee Killmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Campus Koblenz. “Innerstädtische Biotope sind selten. Im Garten Herlet gibt es eine vermutlich fast 300 Jahre alte Natursteinmauer mit Wildbienen. Wir können dort Flechten, Moose und Farne finden, in den Beeten wachsen Wildkräuter, und am kleinen Teich leben Libellen. Wir haben bei einer Kartierung über 100 verschiedene Wildpflanzenarten gefunden”, sagt Killmann.

Sie ergänzt: “Die wichtigste Art, die wir vor Ort haben, ist die Schwarzpappel (Populus nigra). Sie ist in der Roten Liste in die Kategorie ‘3’ (gefährdet) eingestuft. In der Regel findet man nur Hybriden. Echte, reine Schwarzpappeln sind schon etwas Besonderes. Auch wenn man, so der Plan, die Schwarzpappeln stehen ließe, würde das Mikroklima gestört werden. Der Boden würde verdichtet, und wichtige Symbiosepartner gingen verloren.”

Killmann hat einen privaten Bezug zum Garten. 2009 wurde sie in die Umgestaltung des Gartens mit einbezogen. “Ich kenne und betreue den Garten jetzt seit über 10 Jahren. Ich habe ihn schon gesehen, als er noch verwuchert und wild war. Birgitta Goldschmidt, die Referentin für Schulgärten in Rheinland-Pfalz, kam auf mich zu. Wir sind über eine Leiter in den Garten geklettert und haben uns den verwilderten Garten angeschaut. Anschließend haben wir uns gemeinsam mit Studierenden der Universität ein Konzept überlegt, wie man den Garten als Generationsschulgarten nutzen kann.”

Etwa 40 Menschen gärtnern derzeit im Garten Herlet mit.

Etwa 40 Menschen gärtnern derzeit im Garten Herlet mit.

Langfristig möchte die Universität Koblenz-Landau den Garten im Rahmen der Ausbildung von Lehrer:innen nutzen. “Ich selbst war dort schon mit Studierenden auf Exkursion. Das ist Bestandteil meiner Vorlesung. Da machen wir zum Beispiel einen Tag das Thema Schulgarten”, schildert Killmann. Koblenz soll MINT-Region für Mathematik und Naturwissenschaften werden. Der Garten kann hier eine wichtige Rolle spielen für die naturwissenschaftliche Ausbildung von Lehrkräften.

Politisch im Diskurs

Tobias Christmann sitzt für die Linken im Stadtrat und setzt sich aktiv für den Erhalt des Gartens ein: “Momentan sind die Linke und die Grünen die einzigen beiden Fraktionen, die sich klar gegen die Nutzung als Bauplatz aussprechen. Die Mehrheit des Stadtrates ist aufgrund der jetzt schon jahrzehntelang anhaltenden Baulücke in der Firmungsstraße der Meinung, dass der Garten vorübergehend weichen kann und dies ein geringes Opfer wäre. Der Garten wurde bisher nachweislich seit über 500 Jahren nicht bebaut.” Der vorhabensbezogene Bauplan steht, wird aber von der Verwaltung noch angepasst. Grundsätzlich fehlt nur noch die offizielle Abstimmung des Stadtrates über den Garten. “Ich glaube, dass wir mit großem öffentlichen Druck in Zusammenarbeit mit Experten oder dem BUND und anderen politischen Persönlichkeiten, die sich klar für den Erhalt des Gartens aussprechen, gemeinsam etwas bewegen können”, sagt Christmann.

Tobias Christmann, der für die Linken im Stadtrat sitzt, verbringt gern seine Mittagspause im Garten Herlet.

Tobias Christmann, der für die Linken im Stadtrat sitzt, verbringt gern seine Mittagspause im Garten Herlet.

Aus Aktiven entsteht ein Verein

Aus einer Bürgerinitiative hat sich am 9. Oktober 2020 der Verein “Freunde des Garten Herlets” gegründet. Obwohl Peter Jansen erst seit einem Jahr in der Stadt wohnt, ist er engagiertes Mitglied und Vorsitzender des Vereins. “Wir sind Anfang 2020 nach Koblenz gezogen. Dann habe ich in der ‘Blick Aktuell’ eine Pressemitteilung der SPD gelesen, die darauf hinwies, dass der Garten Herlet als Bürgergarten gescheitert wäre und dort jetzt das Hotel gebaut würde. Anschließend haben ich und meine Familie uns auf die Suche gemacht und sind im Garten Herlet auf zwei Jugendliche gestoßen. Die haben uns ein bisschen etwas über die Geschichte des Gartens erzählt.”

Im März 2020 habe er beschlossen, eine Facebook-Gruppe für den Garten zu eröffnen. Innerhalb einer Woche hatte diese 100 Mitglieder, ohne Werbung zu machen. “Mittlerweile sind wir bei über 650 Mitgliedern”, freut sich Jansen. Durch Facebook sind Studenten auf den Garten aufmerksam geworden. Diese haben jeden Sonntag von elf bis dreizehn Uhr eine offene Gartenbegehung angeboten. “Der Garten ist für uns ein Stück gelebte Anarchie. Jeder kann anbauen und ernten, was er möchte, einzige Bedingung ist, den Garten sauber zu halten und nichts kaputt zu machen”, sagt Jansen.

Neben den seltenen Schwarzpappeln gibt es beispielsweise auch Hochbeete.

Neben den seltenen Schwarzpappeln gibt es beispielsweise auch Hochbeete.

Grundstein für die Vereinsgründung waren eine bessere Koordinationsmöglichkeit und eine klare Zielsetzung. “Wir haben einen Ansprechpartner benötigt, der unsere Interessen vertritt. Letztlich haben wir zusammen mit 25 Leuten einen Verein gegründet. Vereinsmitgliedschaften haben wir etwa 50 aktuell. Die Vereinsmitgliedschaft ist kostenlos, Spenden sind natürlich willkommen. Niemand wird gezwungen, Geld dafür zu bezahlen”, erzählt Jansen.

Grundsätzlich ist der Verein nicht gegen den Bau eines Hotels. Er ist auf den Erhalt des Gartens fokussiert. “Wir möchten nicht, dass der Garten temporär zerstört wird. Wir glauben, dass das Versprechen des Investors nicht eingehalten wird, den Garten nach der Bauzeit wieder in den ursprünglichen Zustand zu versetzen. Ich möchte mit dem Verein alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, die uns zur Verfügung stehen”, sagt Jansen.

Treffpunkt für viele Generationen

“Ich glaube, der Garten hat in den letzten Monaten noch einmal deutlich an Bekanntheit gewonnen. Bis vor Kurzem war er nicht ausgeschildert. Wenn man den Garten nicht kennt, findet man ihn nicht. Ich habe schon von vielen Leuten gehört, dass sie den Garten zwar kennen, aber einfach nicht wissen, wo er ist. Der Garten ist sauber, gepflegt und gut erhalten”, so Christmann.

Wenn er seine Patentante in der Nähe des Gartens besuche, gehen sie zusammen dorthin, oder er geht in der Mittagspause mal hin. Im Sommer hat er sich dort mit Freunden auf ein Glas Wein getroffen. “Wir haben beispielsweise für ‘Schängel*innen gegen Rechts’ unsere Vorstandssitzungen im Garten durchgeführt. Der Garten ist ein toller, vor allem ruhiger öffentlicher Ort, um sich mit Freunden zu treffen, ein Buch zu lesen und zu entspannen”, sagt Christmann.

Jansen hat durch seine Aktivität im Garten viele Menschen kennengelernt. Der Garten habe ihm sehr geholfen, als Neuankömmling Anschluss zu finden. Er schätzt, dass sich etwa 40 Menschen dort aktiv an Gartenarbeiten erfreuen.

Gedanken an Frau Herlet

Killmann, Christmann und Jansen sind sich sicher: Die Witwe Herlet hätte diesen Umgang mit ihrer Schenkung nicht gewollt. Der Garten sei ein Ort der Begegnung, das solle er bleiben. Christmann ergänzt: “Ich finde es eine Schande, wie die Stadt mit einer Schenkung umgeht. Ich glaube, Frau Herlet würde es ebenso sehen. Der Garten würde nach der Wiederherstellung nach ein paar Jahren nicht mehr so sein wie früher. Da bin ich mir sicher. Auch Frau Herlet würde für den weiteren Erhalt des Gartens kämpfen.”

Sarah-Maria Scheid

 

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4 Kommentare

  1. Susanne Kröber-Radermacher sagt

    Ich finde es sehr traurig das Umweltstandards zwar auf dem Papier stehen aber in der tatsächlichen Politik dann doch wieder ausgeblendet werden.
    Diesen Garten wiederherzustellen – ist schlicht mit einer Unterbauung einer Tiefgarage und den sonstigen Eingriffen nicht möglich. Meine Hoffnung ist nach wie vor das die politisch Verantwortlichen das auch erkennen und den Garten nicht zu einer Baustelle werden lassen – auch nicht auf Zeit.

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  2. Rosch Nadjib sagt

    Ich hätte echt mehr von Koblenz erwartet. Muss man die Bagger unbedingt ausgerechnet dort abstellen? Es gibt genug große Privatparkplätze die kaum besetzt sind, weil sie Geld kosten.

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  3. Bine Voigt sagt

    Der Garten Herlet ist ein Kleinod in der Koblenzer Altstadt und ich bin sehr gerne dort. Auch ich habe dort schöne Begegnungen gehabt und es ist wunderbar dort zu entspannen, zu lesen oder ein bisschen zu werkeln…auch ich setze mich für den Erhalt des Gartens ein.

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