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Für Gleichberechtigung in Studium und Wissenschaft

Für Gleichberechtigung im Einsatz: Mitarbeiterinnen des Gleichstellungsteam Carina Stecker, Dr. Melanie Hackenfort, Professorin Dr. Helga Arend, bis März 2020 Gleichstellungsbeauftragte der Universität Koblenz-Landau, und Swantje Köhler (von links nach rechts). Foto: Sarah-Maria Scheid

Für Gleichberechtigung im Einsatz: Mitarbeiterinnen des Gleichstellungsteam Carina Stecker, Dr. Melanie Hackenfort, Professorin Dr. Helga Arend, bis März 2020 Gleichstellungsbeauftragte der Universität Koblenz-Landau, und Swantje Köhler (von links nach rechts). Foto: Sarah-Maria Scheid

Auf mindestens 40 Prozent soll der Anteil der Professorinnen an der Universität Koblenz-Landau in den nächsten zehn Jahren ansteigen. Dieses Ziel verfolgte Professorin Dr. Helga Arend, die seit 2017 die zentrale Gleichstellungsbeauftragte der Universität Koblenz-Landau war. Im März endete ihre Amtszeit, während der sie sich für die Gleichberechtigung und Förderung von Frauen in Wissenschaft, Forschung und Lehre einsetzte. Im Gespräch mit Uniblog blickt Arend gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Dr. Melanie Hackenfort zurück.

Frau Arend, Sie waren drei Jahre lang Gleichstellungsbeauftragte der Uni. Was konnten Sie in den letzten Jahren erreichen?

Arend: Ein zentraler Punkt meiner Arbeit war die Entwicklung des Gleichstellungsplans der Universität. Es war viel Arbeit, den Gleichstellungsplan in allen Gremien zu diskutieren und durchzusetzen. Der erste Entwurf wurde schon im Dezember 2017 im Senatsausschuss für Gleichstellungsfragen vorgelegt. Der Gleichstellungsplan gibt eine Bestandsaufnahme, leitet daraus Ziele ab und legt Maßnahmen fest, um diese zu erreichen. Im Vergleich mit anderen Hochschulen haben wir mit 35,5 Prozent einen recht hohen Frauenanteil bei den Professuren. Damit sind wir bundesweit sehr gut aufgestellt. Wir sind drittbeste Uni im Bundesdurchschnitt. Allerdings ist das immer noch sehr weit von einer wirklichen Gleichstellung entfernt.

Außerdem habe ich mit meinem Team die Richtlinie zum Schutz vor sexueller Belästigung an der Universität Koblenz-Landau erstellt und den Antrag zum Professorinnenprogramm III mit dem dazugehörigen Gleichstellungszukunftskonzept erfolgreich auf den Weg gebracht.

Des Weiteren wurde ich bei allen Stellenbesetzungsverfahren der Verwaltung und der zentralen Einrichtungen einbezogen und ich war an allen Gremien beteiligt, wie dem Senat, dem Kuratorium und dem Hochschulrat. An den Sitzungen des Senatsteilausschusses Koblenz, der das Profil der zukünftigen Universität Koblenz entwickelt hat, habe ich ebenfalls teilgenommen. Wir haben ein Profil entwickelt, wie wir uns eine Universität vorstellen, in der wir gerne arbeiten wollen. Ich freue mich sehr darüber, dass im ersten Satz des Profils festgehalten wird, dass die Uni Vorbild in Fragen der Gleichstellung sein will.

Was beinhaltet der Gleichstellungsplan konkret?

Arend: Der Plan hilft, dafür zu sorgen, dass Frauen nicht benachteiligt werden, und versucht bestimmte Zielvorgaben zu geben. Eine Zielvorgabe ist, innerhalb von zehn Jahren auf einen Professorinnenanteil von 40 Prozent zu kommen. Der Stellenanteil in den höher dotierten Stellen der Verwaltung muss erhöht werden. In der Verwaltung sind zurzeit hauptsächlich Frauen angestellt, nämlich fast 80 Prozent. Aber die Leitungspositionen sind noch immer mehrheitlich von Männern besetzt. Das zu ändern, ist ein zentraler Punkt im Gleichstellungsplan.

Weitere Handlungsfelder sind die Personalentwicklung, die Nachwuchsförderung und die Familienfreundlichkeit. Teilzeitbeschäftigten werden die gleichen Aufstiegschancen wie Vollzeitbeschäftigten eingeräumt. Es soll ein Personalentwicklungskonzept für den Dienst in Technik und Verwaltung erarbeitet werden, Modelle zur Flexibilisierung der Arbeitszeit und zur Telearbeitszeit werden geprüft und sollen eingeführt werden.

Bei der Nachwuchsförderung ist es wichtig, darauf zu achten, dass in der Postdoc-Phase nicht so viele Frauen wie bisher verlorengehen. Besonders die unsichere Lebenssituation des wissenschaftlichen Nachwuchses, die für alle unerträglich ist, ist ein wesentliches Argument von Frauen, die wissenschaftliche Karriere abzubrechen. Die Universität hat sich deshalb als Ziel gesetzt, ein flexibles Kinderbetreuungsmodell und ein Mentorinnenprogramm zu installieren.

Wer gehört an der Uni Koblenz-Landau alles zum Gleichstellungsteam?

Arend: Das Gleichstellungsteam der Universität Koblenz-Landau besteht aus dem Senatsausschuss für Gleichstellungsfragen, den dezentralen Gleichstellungsbeauftragten der Fachbereiche, den Frauenreferentinnen an den beiden Standorten und der zentralen Gleichstellungsbeauftragten mit ihren Mitarbeiter*innen. Bei mir waren das zuletzt Melanie Hackenfort, Swantje Köhler, Christina Lippok, Carina Stecker und Lisa Weyer.
Die beiden Frauenbüros unter der Leitung von Andrea Hauswirth in Koblenz und Heide Gieseke in Landau sind die erste Anlaufstelle für Studentinnen, zum Beispiel bei Problemen in der Schwangerschaft oder bei der Kinderbetreuung. Sie organisieren Veranstaltungen und Projekte zur Stärkung von Frauen und zur Familienfreundlichkeit. Die zentrale Gleichstellungsbeauftragte ist eher im Verwaltungs- und vor allem im wissenschaftlichen Bereich tätig. Sie berät zum Beispiel Nachwuchswissenschaftlerinnen im Rahmen ihrer Karriere oder die Mitarbeiter*innen in der Verwaltung.

Welche Angebote gibt es konkret am Campus?

Arend: Die Frauenbüros bieten Veranstaltungen und Weiterbildungsmaßnahmen an, die Frauen stärken wollen. Wir haben ein Servicebüro eingerichtet für familienfreundliche Maßnahmen. Beispiele für Einrichtungen sind die Babysitter-Onlinebörse, Ferienbetreuungen und Elternzimmer sowie im C-Gebäude am Campus Koblenz einen Rückzugsraum und in der Universitätsbibliothek am Campus Landau einen Arbeitsraum für Eltern mit Kleinkindern. Den Schlüssel für den Raum bekommt man in der Bibliothek.

Zusammen mit dem Zentrum für Lehrerbildung habe ich eine Reihe für Studierende und Lehrer*innen organisiert, die Genderthemen im schulischen Bereich reflektiert. Vorträge und Workshops sollten zeigen, wie die Gendersensibilität in der Schule umgesetzt werden kann. Eine weitere Reihe mit dem Titel “Frauen | Literatur | Gesellschaft”, die politische und biographische Aspekte von Frauenleben beleuchtete, habe ich in Kooperation mit der Stadtbibliothek Koblenz veranstaltet.
In der Beratung der Nachwuchswissenschaftlerinnen arbeiten wir eng mit dem Interdisziplinären Promotionszentrum (IPZ) zusammen. Bestimmte Gleichstellungsmaßnahmen, die durch das Professorinnenprogramm gefördert werden, wie die Graduiertenschule Genderforschung und das Mentoring-Programm Ment² sind im IPZ angesiedelt. Über das Professorinnenprogramm kann die Universität Koblenz drei Professuren mit Frauen besetzen. Die drei Professorinnen werden über fünf Jahre aus dem Programm finanziert. So bringt es Frauen in die Wissenschaft. Darüber hinaus werden ein Mentorinnenprogramm und ein Familienservicebüro über die Projektgelder finanziert. Eine weitere Förderungsmöglichkeit ist das Projekt NAWI – also die Verbesserung von Weiterqualifizierungsbedingungen für Nachwuchswissenschaftlerinnen.

Wer sucht Rat bei Ihnen?

Arend: Meist suchen Menschen Rat, die Probleme damit haben, dass andere ihre Machtstellung ausnutzen und die Betroffenen sich dadurch eingeschränkt oder genötigt fühlen. Es sind nicht unbedingt nur Frauen. Da, wo Machtstrukturen missbraucht werden, kann das zu schwierigen Arbeitsverhältnissen führen. Ein vergiftetes Arbeitsklima ist unerträglich und kann sogar krankmachen. Außerdem kommen häufiger Menschen zu mir, die Fragen zur Karrieregestaltung haben. Nachwuchswissenschaftlerinnen suchen Rat, wie sie zum Beispiel ihre Forschungen auch mit Kind gut planen und gestalten können. Die Tatsache, dass Arbeiten von Frauen anders, das heißt oft schlechter bewertet werden, als die von Männern, ist ebenfalls ein Thema.

Welche Baustellen gibt es neben der Karriereplanung?

Arend: Sexuelle Belästigung ist ein Problem. Oft kann man nur Anlaufstelle zum Zuhören sein, weil die Menschen, die zu uns kommen, meist anonym bleiben wollen. Die Übergriffe sind oft so, dass sie nicht justiziabel wären, aber dennoch äußerst unangenehm sind. Bei aller Anonymität eine Form der Vermittlung zu finden, ist schwierig. Zu diesem Thema haben wir die Richtlinie zum Schutz vor sexueller Belästigung entworfen. Dort ist beschrieben, dass akut Betroffene bei jedem Mitarbeiter/jeder Mitarbeiterin Hilfe suchen können. In der Richtlinie erklärt die Universität, dass sie für eine wertschätzende Arbeitsatmosphäre einsteht und dass alle, die auf dem Campus eine Funktion haben, die Rolle des „Ersthelfers“ übernehmen sollen. Wichtig bei Übergriffen ist, dass Betroffene sofort eine Anlaufstelle finden. In etlichen Fällen der letzten Jahre hat das sehr gut funktioniert, weil aufmerksame Mitarbeiter*innen für die Betroffenen da waren. Meist ist keine Zeit zu verlieren. Wir hatten schon Fälle, wo Frauen sehr eng bedrängt wurden. In einem Fall haben wir sogar die Polizei mit einbezogen.

Wie stark ist die Benachteiligung von Frauen in der Wissenschaft heute noch zu spüren? Mit welchen Nachteilen müssen Frauen kämpfen?

Arend: Der Anteil der Studienanfängerinnen an unserer Universität liegt bei 65 Prozent. In den höheren Positionen nimmt die Anzahl an Frauen jedoch immer weiter ab. Am stärksten geht der Anteil von Frauen ab der Habilitation zurück. Schaut man sich die Promotionen an, sind die Zahlen an unserer Universität ausgeglichener und auch in der Postdoc-Phase sind wir gut aufgestellt. Doch ab diesem Punkt fällt der Frauenanteil sehr stark zurück. Das ist die Phase der Familienplanung; die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird in der Postdoc-Phase schwieriger. Dazu kommt, dass die Kinderbetreuung oft nicht gleichberechtigt aufgeteilt wird. Ein großes Problem liegt auch darin, dass Nachwuchswissenschaftler*innen einen sehr unsicheren Karriereweg haben, denn viele Stellen sind befristet. Die Universität hat erfolgreich ein Programm für mehr Juniorprofessuren beantragt. Bei der Juniorprofessur weiß man recht früh, ob man eine Professur erreichen kann und damit wird ein besser planbarer Karriereweg geboten. Dies ist gerade auch für Frauen wichtig, weil sie eher zum sicheren Lebensplan tendieren.

Was wünschen Sie sich für die kommenden Jahre?

Arend: Mir wäre wichtig, dass man die Gleichstellung sichtbar und als Querschnittsthema an der Universität verankert. Gleichstellung, Nachhaltigkeit und Diversität sollten grundlegend im Auge behalten werden und sich im Alltag verankern. Ich wünsche mir Gerechtigkeit für alle. Es wäre schön, wenn die Universität auch denen Hilfestellungen geben würde, deren Startchancen nicht so gut sind. Da wäre zum Beispiel eine Zusammenarbeit mit arbeiterkind.de eine gute Perspektive. Das wäre für die Studierenden der Region wichtig. Die Menschen, die als Erste in ihrer Familie studieren, sind an unserer Uni ausgesprochen häufig vertreten. Eine weitergehende Förderung wäre hier wichtig.

Es ist großartig, was bisher erreicht wurde, aber es fehlt zum Beispiel noch an einer flächendeckenden Kinderbetreuung. Die Universität ist vielen Unternehmen meilenweit hinterher. Es liegt nicht nur an den finanziellen Mitteln, sondern auch an dem Willen, dieses Ziel mit Energie umzusetzen.

Die zentrale Gleichstellungsbeauftragte befasst sich fachbereichsübergreifend mit Hochschulpolitik der Uni, Promotion, Forschung und Lehre. Wo gibt es Ihrer Meinung nach den größten Ausbaubedarf?

Arend: Große Defizite haben wir im MINT-Bereich und in der Informatik, in denen sich grundlegend etwas ändern müsste. In den nächsten zehn Jahren werden diese Bereiche wachsen. Man sieht, dort wird Karriere gemacht werden. Darum wäre es wichtig, schon in der Schule Angebote für Mädchen und junge Frauen zu machen und sie für diese Studiengänge zu gewinnen. Das Ada-Lovelace-Projekt arbeitet hier bei uns zwar schon mit guten Bilanzen, es müsste aber ausgebaut und erweitert werden.

Hackenfort: Ich glaube, es ist ein kulturelles Moment, wie Mädchen und Jungen an bestimmte Themen herangeführt und auf diese festgenagelt werden. Dies geschieht ganz unterschwellig. Wenn man sich die internationalen Masterprogramme anschaut, sind viele Frauen aus dem Ausland aus dem MINT-Bereich dabei. Für sie ist es ganz selbstverständlich, MINT-Fächer zu studieren. Das Frauendefizit in diesem Bereich ist also auch ein spezifisch deutsches Problem.

Arend: An reinen Mädchenschulen sind die Prozentzahlen ganz anders als an gemischten Schulen. Die Zahl der Abiturientinnen, die ein Mathematikstudium oder ein Informatikstudium wählen, ist dort viel größer. Daran kann man erkennen, dass diese Vorlieben nicht grundsätzlich bei den Mädchen bestehen, sondern dass sie von außen an sie herangetragen werden. Allerdings ist die Einführung eines getrennten Unterrichts keine Lösung, sondern wir brauchen eine grundlegende Änderung des gesellschaftlichen Klimas.

Einmal im Jahr findet der Forschungstag Gender & Diversity statt. Worum geht es dabei?

Arend: Das wichtigste Anliegen dieses Tages ist, dass Nachwuchswissenschaftlerinnen die Möglichkeit haben, ihre Arbeiten aus der Genderforschung zu präsentieren. Die Genderforschung der Universität soll sichtbar werden, die Forscherinnen sollen sich miteinander vernetzen und mit renommierten Genderforscher*innen diskutieren. 2019 stand das Thema “100 Jahre Frauenwahlrecht” im Mittelpunkt unserer Arbeit. Wir konnten Verfassungsrichterin Prof. Dr. Gabriele Britz für einen Vortrag gewinnen.
Hackenfort: Der Gendertag dient auch dazu, Studierende für die Genderforschung zu sensibilisieren, zu erkennen, was Genderforschung ist, welcher gesellschaftliche Beitrag geleistet wird und dann zu merken, was es heißt, in der Wissenschaft weiterzugehen und eine Promotion abzuschließen. Wichtig ist, dass Studierende sehen, welche Projekte und Förderungsmöglichkeiten es gibt. Wir wollen die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass auch Frauen Karriere machen.

Frau Arend, was werden Sie nach Ihrer Amtszeit als Gleichstellungsbeauftragte tun?

Arend: Ich widme mich wieder der Lehre im Bereich Literaturwissenschaft und freue mich auf die Studierenden. Die Arbeit mit ihnen habe ich in den vergangenen drei Jahren sehr vermisst.

Interview: Sarah-Maria Scheid

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