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Erdbeben in Nepal: “Alles um uns herum hat gewankt”

Ein Zuhause in Trümmern: Das Erdbeben verwüstete auch im südlichen Flachland Nepals die Häuser vieler Menschen. Foto: Privat Ein Zuhause in Trümmern: Das Erdbeben verwüstete auch im südlichen Flachland Nepals die Häuser vieler Menschen. Foto: Privat

Milena Rabe, 22 Jahre alt, unterrichtete Englisch in Nepal, als die Erde plötzlich bebte. Die Kulturwissenschaftlerin im 6. Semester berichtet im Interview mit UniBlog über ihre Erlebnisse und Arbeit vor Ort.

Wie kamen Sie darauf, nach Nepal zu reisen?

Ich wollte nach der Bachelor-Arbeit etwas Sinnvolles tun, Entwicklungshilfe vielleicht. Allerdings nicht mit einer kommerziellen Organisation. Über einen Freund kam ich zu Scouting Bonn e.V., ein junger, gemeinnütziger Verein für Kinder- und Jugendarbeit in Bonn. Der Verein hat Kontakte nach Nepal, und so kam ich an die Navodaya-Schule im Terai, im südlichen Flachland von Nepal, wo ich Englischunterricht geben sollte. Die Navodaya ist eine christliche, kostenlose Schule für Kinder der Chepang, eine indigene Ethnie, die sehr arm ist.

Am 10. April ging Ihr Flug. Wie waren die ersten Tage?

Als ich dort ankam, waren noch Ferien. Zusammen mit den Lehrern habe ich die Schule eingerichtet, Bücher und Hefte sortiert. Nach einer Woche kamen die Kinder zurück aus ihren Heimatdörfern und wir haben uns kennengelernt.

Milena spielt mit einem Baby der Chepang, einer der ärmsten Ethnien im südlichen Nepal. Foto: privat.

Milena Rabe spielt mit einem Baby der Chepang, einer der ärmsten Ethnien in Nepal.

Zwei Wochen später brach das erste schwere Erdbeben aus …

So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich war mit den Kindern im zweiten Stock des Schulgebäudes. Zuerst hat alles ein bisschen gewackelt. Wir haben uns gefragt, was das wohl sein könnte. Ein vorbeifahrender Lkw vielleicht? Aber dann wurde das Wackeln krasser. Es war wie im Film, das Gesichtsfeld ist verschwommen, alles um uns herum hat gewankt. Und zum ersten Mal habe ich mich gefragt, ob es das vielleicht gewesen ist, ob ich heil aus dem Gebäude komme.

Wie haben Sie die Reaktionen der Menschen miterlebt?

Die Mädchen haben geschrien und geweint auf dem Weg in den Schulhof, wo wir uns alle versammelt haben. Alle 239 Kinder sind ohne Verletzungen aus dem Gebäude gekommen. Sie hatten Angst, einige Kinder haben versucht, die Angst wegzulachen. Das fand ich sehr beeindruckend. Sie sind nach Hause gegangen, um zu helfen. Die Kinder wirken sehr erwachsen. Und das Leben muss einfach weiter gehen.

Das Schulgebäude ist nicht zu Schaden gekommen. Das Zuhause der Kinder schon?

Die Häuser der Familien in den Bergdörfern sind teilweise eingestürzt. Einfache Hütten aus Lehm und Stein, die jetzt in Trümmern liegen. Deshalb sind viele unserer Schulkinder nachhause gereist, um mit aufzubauen. Sie wollten bei ihren Familien sein, trotz der besseren Versorgungslage in der Schule.

Milena Rabe verteilt Planen an die Menschen, die ihr zuhause durch das Erdbeben im April verloren haben. Foto: privat.

Milena Rabe verteilt Planen an die Menschen, die ihr Zuhause durch das Erdbeben im April verloren haben. Fotos: Privat

Und jetzt stehen die Zeichen auf Wiederaufbau?

Der Wiederaufbau geht stockend voran. Viele Menschen haben Angst davor, in ihre Häuser zurück zu gehen. Sie bevorzugen Zelte und Planen als Unterkunft. Auch als ich durch Kathmandu gefahren bin, habe ich keinerlei Bagger oder etwas gesehen, das einen Wiederaufbau angekündigt hätte. Es gibt auch Ecken, wo viele Häuser in Ordnung sind, 200 Meter weiter sieht es aus wie nach dem Zweiten Weltkrieg.

Wie konnten Sie persönlich helfen?

Ich habe Frau Dr. Ruth Gonseth, einer Ärztin aus der Schweiz, geholfen, Medizin zu verteilen und Tabletten zu portionieren, oder Kleidung verteilt. Ich war vor allem auch emotionale Unterstützung. Die Menschen dort freuen sich, wenn Ausländer vor Ort sind und helfen. Das hat man schon bemerkt. Außerdem habe ich Spenden gesammelt, insgesamt kamen 2400 Euro von Zuhause und Bekannten. Das freut mich sehr und das werde ich auch weiterführen.

Sie wollten ursprünglich zwei Monate, bis zum 10. Juni, bleiben. Was hat Sie dazu bewegt, länger zu bleiben?

Für mich war die Entscheidung, da zu bleiben, nicht schwer, weil ich wusste, es ist sinnvoll, dass ich hier bin. Ich konnte die Kinder beruhigen, vor allem die Kleineren, und wusste, die Schule fängt bald wieder an und dann konnte ich Englisch unterrichten. Allerdings war es schwierig, diese Entscheidung nach Deutschland zu vermitteln. Aufgrund der Flut an Schreckensbildern in den Nachrichten konnte keiner nachvollziehen, dass ich in Nepal bleiben wollte.

Kurz darauf gab noch ein zweites Beben. Was war anders als beim ersten?

Das Gefühl beim zweiten Beben war eine Mischung aus Überraschung und Schock, dass es wieder passiert. Wir saßen alle beim Mittagessen zusammen, als der Tisch zu wackeln anfing. Alle schrien „Raus, raus!“, aber irgendwie war es schon fast Routine. Man hat sich sofort wieder viel unsicherer gefühlt, weil man wusste, es kann auch nach Wochen immer wieder passieren.

Nach dem zweiten Beben entschied die Regierung, alle Schulen zu schließen. Seit Pfingsten ist Milena Rabe zurück in Deutschland. Am Tag der Kulturwissenschaft, am 23. Juni, wird sie zusammen mit Amrei Vogel, die auch Kulturwissenschafts-Studentin am Campus Koblenz ist und sich während der Erdbeben in Nepal aufhielt, von ihrem Aufenthalt berichten, Fragen beantworten und Fotos zeigen. Rabe bittet um Spenden. Über ihre Mailadresse mrabe@uni-koblenz.de kann sie kontaktiert werden.

Clara Jung

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