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Erasmus in Israel – Culture, Conflict, Peace

Vom Campus der Universität Haifa in Israel blickt man über die ganze Stadt. Drei Landauer Studierende haben für den neuen Erasmus-Austausch der Friedensakademie das Wintersemester 2020/21 dort verbracht. Foto: Philipp Stagnier

Vom Campus der Universität Haifa in Israel blickt man über die ganze Stadt. Drei Landauer Studierende haben für den neuen Erasmus-Austausch der Friedensakademie das Wintersemester 2020/21 dort verbracht. Foto: Philipp Stagnier

Für das neue Erasmus-Austauschprogramm der Friedensakademie Rheinland-Pfalz mit der Israelischen Universität Haifa können sich Studierende unterschiedlicher Fächer bewerben. Trotz des etwas außergewöhnlichen Jahrs 2020 haben die ersten drei Landauer Studierenden nun ein Semester in der Küstenstadt hinter sich. Sie berichten von den Erlebnissen in einer der von Konflikt geprägtesten Regionen ihrer Generation. Aber auch von bereichernder religiöser und kultureller Vielfalt, die Hoffnung macht.

Auf Umwegen nach Nahost

In Raus in die Welt sammeln wir Erfahrungsberichte zu Auslandsaufenthalten. Selbst Lust auf ein Erasmus-Semester bekommen? Hier gibt’s die wichtigsten Infos.

Im Norden Israels, etwa 100 Kilometer nördlich von Tel Aviv und 50 Kilometer westlich von Nazareth, liegt die Küstenstadt Haifa. Auf einem Hügel über der Stadt befindet sich der Campus der Universität Haifa, einer von neun offiziell anerkannten Universitäten des Landes. Seit dem Wintersemester 2020/21 können Studierende der Universität Koblenz-Landau hier ein Erasmus-Semester verbringen, die Friedensakademie Rheinland-Pfalz vermittelt den Austausch.

Judith Keemss, Leonie Oettler und Philipp Stangier sind die ersten Landauer Studierenden, die am neuen Austauschprogramm teilgenommen haben. Alle drei studieren im Master Psychologie mit Schwerpunkt Medien- und Kommunikationspsychologie am Campus Landau. “Die E-Mail mit Infos zu Haifa kam relativ kurzfristig. Am letzten Tag vor der Frist habe ich noch mit Philipp darüber gesprochen, dass er sich doch bewerben soll”, erinnert sich Keemss. Auf die Zusage durch die Friedensakademie folgte eine weitere, rein formelle Bewerbung über das Erasmus-Portal und eine etwas holprige Belegphase in Haifa. Aller Anfang ist schwer, das neue Programm musste sich erst rundlaufen und entsprechende Ansprechpersonen geklärt werden – die drei nahmen es weitgehend gelassen.

In Haifa Angekommen: Judith Keemss (l.) und Leonie Oettler (r.) konnten bereits Anfang Oktober nach Israel einreisen. Vor Ort wurden sie gemeinsam in einer WG in den Dorms des Universitätsgeländes untergebracht. Foto: Judith Keemss

In Haifa Angekommen: Judith Keemss (l.) und Leonie Oettler (r.) konnten trotz Lockdown vor Ort bereits Anfang Oktober nach Israel einreisen. Foto: Judith Keemss

Weniger gelassen stimmte dagegen die Pandemie. Bis lange in den Sommer hinein blieb unklar, ob internationale Studierende das Semester tatsächlich am Campus in Israel verbringen können. Im Oktober startete der Austausch dann doch – mit digitaler Lehre und vorerst nur zwei Landauerinnen vor Ort. Israel befand sich gerade im Lockdown. Nur Oettler und Keemss konnten direkt einreisen, ihre Visumanträge kamen gerade noch rechtzeitig im Berliner Konsulat an. Stangiers Antrag traf einen Tag später ein – zu spät, das Visum konnte erst nach dem Ende des Lockdowns ausgestellt werden. “Die ersten anderthalb Vorlesungswochen habe ich von Deutschland aus mitgemacht. Weil sowieso alles online stattfand, war das kein Problem.”

Andere Länder, andere Fächer, andere Sitten

Die Veranstaltungen, die sie – wie auch bei uns zu Hause rein digital – belegen konnten, waren divers. Das Austauschprogramm bot ihnen die Möglichkeit, über die Grenzen ihres eigenen Faches hinauszuschauen. Auch deshalb, weil der Masterstudiengang Psychologie in Landau es so vorsieht: Durch das nicht-psychologische Wahlpflichtfach und den freien Workload lassen sich bis zu 17 Credit Points aus fächerübergreifenden Veranstaltungen anrechnen. “Ursprünglich dachten wir, wir studieren in Haifa einfach ‘Peace and Conflict Management'”, erzählt Stangier. “Es hat etwas gedauert, bis wir durchgeblickt haben. Aber im Endeffekt konnten wir auch aus anderen Angeboten wählen, was wir wollten.”

Über die International School belegten sie Sprachkurse in Hebräisch und Arabisch. Auch einen Kurs zur soziokulturellen Geschichte des Nahen Ostens wurde angeboten. Aus dem Masterprogramm “Peace and Conflict Management” besuchten sie darüberhinaus Seminare wie Negotiation, Mediation & Facilitation und Theories and Issues of Intergroup Confict. Ein spannendes Portfolio – das nicht nur inhaltlich neue Perspektiven eröffnete.

Trotz der Pandemie waren Tagesausflüge möglich, auf denen die drei Landauer das Land in seiner Vielfalt kennenlernen konnten. Zum Beispiel die geschichtsträchtige Stadt Jerusalem, knapp zwei Autostunden von Haifa entfernt. Zu sehen ist Philipp Stagnier vor dem Felsendom. Foto: Philipp Stagnier

Vereinzelt waren Tagesausflüge möglich. Zum Beispiel in die geschichtsträchtige Stadt Jerusalem, knapp zwei Autostunden von Haifa entfernt. Zu sehen ist Philipp Stangier vor dem Felsendom. Foto: Philipp Stangier

“Das Kurskonzept unterscheidet sich sehr von Deutschland. Der Arbeitsaufwand war recht hoch und die Veranstaltungen gingen sehr in die Tiefe”, so Oettler. Durch regelmäßige Abgaben und Mitarbeitsnoten habe alles etwas verschulter gewirkt als in Deutschland, allerdings nur organisatorisch. “Inhaltlich gab es kein Schema F, wie man es aus dem Psychologiestudium in Deutschland kennt”, erzählt Keemss. “Wir wurden sehr dazu angeregt, uns Gedanken zu Themen zu machen, mit denen wir vorher nie in Berührung gekommen sind.” Durch den Perspektivenwechsel sei sie sich plötzlich sehr europäisch vorgekommen – eine ungewohnte, aber bereichernde Erfahrung.

Das Leben vor Ort

Ein ganz normales Auslandssemester hatten die drei in diesen ungewöhnlichen Zeiten natürlich nicht. “Vor allem im Dezember und Januar war das Leben auch hier nicht besonders aufregend”, erzählt Oettler. “Zum einen hatten wir durch die vielen Kurse gar nicht so viel Zeit übrig, zum anderen war wegen der Ausgangsbeschränkungen einfach vieles nicht möglich.” Ein großer Pluspunkt gegenüber Deutschland: Durch das mediterrane Klima konnten die Studierenden die meiste Zeit über Corona-konforme Ausflüge zum Strand unternehmen, der sich 30 Minuten vom Campus und den Unterkünften befindet.

Für ein bisschen soziale Abwechslung sorgte die unkomplizierte Unterbringung im Wohnheim. In den Dorms lebten Keemss und Oettler zusammen mit anderen internationalen Studentinnen aus Russland, den Niederlanden und den USA; Stangier teilte sich eine Wohnung mit arabischen Studenten. “Zumindest während des israelischen Lockdowns durften wir uns nicht mit Bewohner:innen anderer WGs in den Dorms treffen”, so Oettler. Auf Wanderungen und Picknicks im Naturschutzgebiet gleich hinter dem Campus lief man sich aber manchmal trotzdem über den Weg – die wunderschöne Natur und beeindruckenden Sonnenuntergänge zogen viele Studierende an.

Direkt hinter dem Campus der Universität erstreckt sich ein Naturschutzgebiet mit angrenzendem Nationalpark. Während des Lockdowns konnten die Studierenden hier für kleinere oder größere Wanderausflüge dem Wohnheim entkommen. Foto: Judith Keemss

Im Naturschutzgebiet direkt hinter dem Campus konnten die Studierenden während des Lockdowns auf kleineren und größeren Wanderausflügen dem Wohnheim entkommen. Foto: Judith Keemss

Trotz der Einschränkungen sind die drei froh, dass der Austausch stattfinden konnte. Keemss, Oettler und Stangier haben in Israel nicht nur eine fremde Universität, sondern auch ein fernes Land und faszinierende Kulturen kennengelernt. Zum Beispiel das Judentum. “Ein jüdischer Student aus unserem Wohnheim hat uns zum Shabbat-Dinner eingeladen, mit uns hebräische Lieder gesungen und jede noch so blöde Frage zum Judentum beantwortet”, berichtet Keemss. Dass streng religiöse jüdische Mitmenschen am Shabbat keine Lichtschalter und Aufzüge bedienen, war erstmal erstaunlich. Besondere Erlebnisse für die Studierenden aus Deutschland, wo alltägliche Berührungspunkte mit jüdischen Traditionen durch die NS-Zeit auf tragische Weise weitgehend ausgelöscht worden sind.

Frieden in Mitten des Konflikts

Aber auch der ungeklärte jüdisch-arabische Konflikt gehört zu Israel. Stangier teilte sich im Wohnheim des Campus eine WG mit fünf arabisch-israelischen Studenten, mit Palästinensern. “Sie haben mir erzählt, dass sie viel häufiger von der Polizei angehalten werden als jüdische Mitbürger:innen. Sie fühlen sich manchmal wie Bürger zweiter Klasse”, erzählt er. Der Arabischkurs und ein Seminar namens Terrorism and Responses bescherten ihm bei seiner Ausreise am Flughafen Tel Aviv sogar eine ausgiebige Extrarunde Befragung durch das Flughafenpersonal. Am Ende ließ sich alles klären.

Ein einladender Ausblick: Hier, in den Dorms über der Stadt, lebten Keemss, Oettler und Stagnier während des Semesters. Foto: Leonie Oettler

Ein einladender Ausblick: Hier, in den Dorms über der Stadt, lebten Keemss, Oettler und Stangier während des Semesters. Foto: Leonie Oettler

Keemss und Oettler entschieden sich dazu, nach der Vorlesungszeit ein paar Wochen länger in Haifa zu bleiben und nochmal ins Stadtzentrum zu ziehen. Trotz des unterschwellig spürbaren Konflikts ist Oettler eines wichtig zu betonen: “Was Haifa so besonders macht, ist, wie viele unterschiedliche Arten von Menschen hier zusammenleben. Auf der Straße siehst du streng orthodoxe Juden neben verschleierten Muslimas und sehr freizügigen Frauen.” Die kulturelle Vielfalt in der Küstenstadt sei auch über die jüdische und arabische Bevölkerung hinaus enorm, regelmäßig lese und höre man verschiedenste Sprachen. Umgeben von politischer und kultureller Spannung ist Haifa vielleicht gerade deshalb der richtige Ort, um sich mit Konfliktlösung und Friedensforschung zu beschäftigen. Denn es zeigt, dass am Horizont ein Hoffnungsschimmer leuchtet: Er heißt Vielfalt als Chance, voneinander zu lernen.

Annika Namyslo

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