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Eine literarische Tür nach Frankreich

Professor Gregor Schuhen (Bildmitte), Lars Henk und Lea Sauer vom Landauer Institut für Romanistik möchten ihre Begeisterung für französische Literatur mit anderen teilen. Deshalb haben sie das Portal „france2000“ ins Leben gerufen, das sich mit zeitgenössischer Lektüre aus dem Nachbarland auseinandersetzt. Foto: Elena Panzeter

Professor Gregor Schuhen (Bildmitte), Lars Henk und Lea Sauer vom Landauer Institut für Romanistik möchten ihre Begeisterung für französische Literatur mit anderen teilen. Deshalb haben sie das Portal „france2000“ ins Leben gerufen, das sich mit zeitgenössischer Lektüre aus dem Nachbarland auseinandersetzt. Foto: Elena Panzeter

Anfang 2021 wurde das Literaturportal france2000 ins Leben gerufen. Mitarbeitende der Romanistik am Campus Landau betreiben den Blog, auf dem aktuelle Werke des französischen Literaturmarktes besprochen, kulturelle Debatten beleuchtet und studentische Projekte veröffentlicht werden. Was Disney mit Marcel Proust zu tun hat, wie man Lesefaule bekehren kann und was man im Leben unbedingt gelesen haben sollte, erzählen Professor Dr. Gregor Schuhen, Lars Henk und Lea Sauer im Interview. 

Wie und wann wurde der Literaturblog gestartet?

Gregor Schuhen: Der Blog ist Bestandteil des Forschungsprojektes „Bourdieus Erben – Die Rückkehr der Klassenfrage in der französischen Gegenwartsliteratur“. Den Antrag habe ich im Februar 2020 bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft gestellt. Glücklicherweise habe ich direkt im August 2020 die Bewilligungszusage bekommen. Gestartet haben wir das Portal ein Jahr später.

Was wollen Sie damit erreichen? 

Schuhen: Auch wenn es kitschig klingen mag: Uns geht es um die Liebe zur Literatur, die wir anderen Leuten vermitteln wollen. Wir möchten auch Menschen außerhalb der Uni über französische Literatur auf dem Laufenden halten. Der Blog bietet uns die Möglichkeit, uns auch mal anders auszudrücken als in wissenschaftlicher Form.

Schreiben Sie die Texte für france2000 alleine?

Schuhen: Wir sind immer auf der Suche nach externen Autor:innen und bewerben das auch auf unserem Fachportal. Geplant ist, dass die Beiträge sowohl von uns selbst als auch von Gastautor:innen verfasst werden. 

Was ist das Alleinstellungsmerkmal des Portals?

Lars Henk: Es ist mit Sicherheit eine Stärke des Portals, so offen zu sein. Fragestellungen können breit bearbeitet werden. Wir haben aktuell zwei Rubriken, die sich für Gäste anbieten: Einerseits die Rezensionen, andererseits die Essays. In der dritten Säule werden die Studierenden miteinbezogen. Diese Sparte startet im Wintersemester 2021/2022.

Wenn mich als Studentin die Schreiblust packt – wie muss ich vorgehen, damit mein Artikel auf Ihrer Seite erscheint? 

Schuhen: Zunächst einmal gehen Sie auf einen von uns dreien zu und besprechen ihr Vorhaben mit uns. Für individuelle Ideen schaffen wir gerne Raum. Ansonsten schlagen wir auch gerne Themen vor, über das die Studierenden schreiben können, zum Beispiel im Rahmen eines Seminars. Ich habe mal einen Kurs zu der französischen Autorin Annie Ernaux angeboten, die ausschließlich autobiografische Texte schreibt. Die Studierenden sollten dann im Stil der Schriftstellerin eine Episode aus ihrem Leben erzählen. Das hat ihnen viel Spaß gemacht. Solche Arbeiten kann man gut bei uns im Portal unterbringen.

Lea Sauer: Aber auch Anregungen oder Themenvorschläge von außen sind jederzeit willkommen. Erst kürzlich hat uns eine Autorin neben einigen Lektüretipps auf die Eigenheiten des deutsch-französischen Verhältnisses von Autor:innen und Übersetzer:innen aufmerksam gemacht. Es ist super, selbst auf Interessantes zu stoßen, aber Empfehlungen helfen einem immer weiter.

Was fasziniert Sie an der französischen Literatur?

Henk: Literatur vermag es, Türen in fremde Welten zu öffnen. Konkret an der französischen Literatur reizt mich vor allem ihre sozioanalytische Ausrichtung, also wie gesellschaftliche Wirklichkeit in der Literatur eingefangen wird. Dabei ist natürlich klar, dass Literatur nicht einfach die Realität abbildet und reproduziert. Mich interessiert, wie Literatur uns soziale Verhältnisse auf kunstvolle Art und Weise näherbringen kann.

Schuhen: Ich hatte eine tolle Französischlehrerin, mit der wir unter anderem Madame Bovary gelesen haben. Das ist keine leichte Lektüre, wenn man erst kürzlich einigermaßen erfolgreich die Pubertät hinter sich gebracht hat. (lacht) Das Buch hat mich aber direkt in seinen Bann gezogen. Danach ging es für mich zum Auslandssemester nach Paris. Das war die großartigste Zeit meines Studiums.

Sauer: Natürlich teile ich die Liebe zur Literatur wie meine beiden Kollegen. Ich mache kaum etwas anderes als zu lesen, zu schreiben oder mich in irgendeiner Weise mit Literatur zu beschäftigen. (lacht)

Geht bei der deutschen Übersetzung von französischer Literatur der Zauber verloren? 

Schuhen: Es gibt mittlerweile richtig gute Übersetzer:innen, da kann man als Romanist:in nicht meckern. Es wird immer mehr Wert darauf gelegt, so nah wie möglich am Original zu bleiben. Früher hatte ich den Eindruck, dass viele Übersetzer:innen ihre eigene Note in die Übersetzung miteinbringen wollten. Das hat sich verbessert. 

Sauer: Ich glaube auch, dass sich das Ansehen der Übersetzer:innen gewandelt hat. Beim internationalen Literaturpreis vom Haus der Kulturen der Welt wurde sogar der Roman der französischen Schriftstellerin Fatima Daas mitsamt der Übersetzerin Sina de Malafosse ausgezeichnet. 

Wie kann man Lesefaule von Literatur überzeugen? 

Schuhen: Meiner Erfahrung zufolge fällt es immer leichter, in der Gruppe Literatur zu diskutieren. In meinen Seminaren frage ich zu Beginn immer, wie den Studierenden der behandelte Text gefallen hat. Dann reden wir einige Sitzungen darüber und ich stelle die gleiche Frage erneut. Die positive Resonanz nimmt meistens zu.

Henk: Lesen muss natürlich auch trainiert werden. Jeden Tag kann man sich eine kleine Ration vornehmen. Man kann schließlich auch nicht direkt einen Marathon laufen, wenn man zuvor nie Joggen war.

Schuhen: Wer viel liest, schult seinen Geist und Intellekt, dadurch verbessert sich natürlich auch das eigene Schreiben.

Sauer: Das Schöne an Literatur und gerade an Romanen ist ja, voyeuristisch in Charaktere zu schlüpfen. Wann hat man schon einmal diese Möglichkeit im Leben?

Schuhen: Außerdem schult das ja wiederum die Vorstellungskraft.

Welche französischen Autor:innen muss man unbedingt gelesen haben? 

Sauer: Auf jeden Fall Annie Ernaux. Sie hat eine ganz neue Art zu schreiben etabliert und das schon über Jahrzehnte hinweg. Sie schafft es dennoch, sehr gegenwartsbezogen und zeitgemäß zu schreiben. Sie greift immer wieder aktuelle Themen auf. Ich hätte aber genauso Virginie Despentes oder Hervé Guibert nennen können.

Schuhen: Ich habe über Marcel Proust promoviert. Sein literarisches Œuvre ist zwar sicherlich nicht als leichte Kost zu sehen, die Lektüre lohnt sich aber allemal. In seinem Schaffen ist er absolut unvergleichbar.

Sauer: Man darf auch nicht vergessen, dass sich auch heute noch viele Menschen verschiedenster Disziplinen auf Proust beziehen. Karl Ove Knausgård ist nur eines von vielen Beispielen.

Schuhen: Sogar in Disneyfilmen taucht Proust auf. Ratatouille ist ein bekanntes Beispiel. Im ersten Band seiner Heptalogie sucht der Ich-Erzähler verzweifelt nach der Erinnerung an sein Leben und kommt eines Tages zu seiner Mutter, wo er eine Madeleine isst, die er in Tee taucht. Im Moment, in dem er abbeißt, erinnert er sich nicht nur an den typischen Geschmack, den er aus seiner Kindheit kennt, sondern auch an sein bisheriges Leben. In Ratatouille ist das ähnlich: Ein Restaurantkritiker wird sich beim Verzehr eines für ihn sentimentalen Gerichtes seines Lebens bewusst.

Henk: Meine Leseempfehlung ist definitiv Émile Zola. Eines seiner berühmtesten Zitate habe ich mir besonders zu Herzen genommen. Er beschreibt, dass er sich zeitlebens der Wahrheit verschrieben und der Wahrheitsproduktion verpflichtet gefühlt habe. Ich glaube dieser Ansatz, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, ist heute relevanter denn je. Machen wir die Gesellschaft jeden Tag ein kleines bisschen smarter!

Elena Panzeter 

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