Promovierende im Interview
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Eine Doktorarbeit aus Liebe zur Literatur

Aline Sohny beschäftigt sich in ihrer Doktorarbeit mit Detektivliteratur. Foto: Sarah-Maria Scheid

Aline Sohny beschäftigt sich in ihrer Doktorarbeit mit Detektivliteratur. Foto: Sarah-Maria Scheid

Aline Sohny liebt die Arbeit mit literarischen Texten und Büchern. Sie promoviert im Fach Anglistik am Campus Koblenz und befasst sich in ihrer Doktorarbeit mit Stereotypen zu Behinderung und Männlichkeit und der Frage, wie Detektive mit geistiger oder körperlicher Beeinträchtigung in der Literatur ihre männliche Identität aushandeln.

Bitte erklären Sie das Thema Ihrer Dissertation in wenigen Sätzen.

Mein vorläufiger Arbeitstitel lautet From Disabled Masculinity to Masculine Disability – The Negotiation of Masculinity and Disability in Detective Fiction. Ich analysiere, wie stereotypische Vorstellungen von Behinderung und Männlichkeit in der literarischen Darstellung der Figur des Detektivs kollidieren und wie diese Figur ihre Identität als Mann mit körperlicher oder geistiger Behinderung im beruflichen und privaten Kontext aushandelt

Was sind die Ziele Ihrer Arbeit?

Die Serie

Sie forschen, organisieren Tagungen oder schreiben Fachartikel: In dieser Serie berichten wir über Promovierende und ihre Forschung an unserer Universität. Und fragen: Was ist ihr Thema? Was sind ihre Leidenschaften? Wieso haben sie sich für eine Promotion entschieden? Wie organisieren sie ihr Arbeitspensum?

Sehr oft wird Behinderung als eine Metapher genutzt, beispielsweise für eine schwache oder fragile Gesellschaft. Es wird also versucht, eine höhere Bedeutung in der körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung der Figur zu verankern und somit der Behinderung das Recht beziehungsweise die Berechtigung genommen, schlichtweg da sein zu dürfen. Ich hoffe, dass ich es in meiner Arbeit schaffe, die Aufmerksamkeit des Lesers weg von der Metapher und wieder auf die Behinderung als Lebensform zu lenken und dadurch zu zeigen, dass meine ausgewählten Texte dem Dasein mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen einen gewissen Respekt zollen. Die Behinderung sollte als Existenzform akzeptiert werden und weder negativ behaftet noch als Metapher verstanden werden.

Was fasziniert Sie an diesem Thema?

Das Feld der Literary Disability Studies ist noch recht jung und entwickelt sich gerade erst. Ich finde es interessant, dass es so viele Formen von körperlicher oder geistiger Behinderung in der Literatur gibt, die häufig überlesen werden. Keine Figur ist so unbeeinträchtigt, wie sie auf den ersten Blick zu sein scheint. Jede hat eine Eigenart, die sie auf die ein oder andere Art beeinträchtigt. Darüber hinaus fasziniert mich Literatur selbst, wie sie ihre Form einer Realität schafft, aus der wir Leser lernen können. Trotz ihres fiktionalen Charakters kann Literatur das Weltbild eines Lesers positiv beeinflussen.

Denken Sie, das würde das Meinungsbild über Behinderte in der Realität verändern?

Dazu müsste diese Art von Detektivliteratur zunächst mehr Beachtung finden. Immer wenn ich von meiner Forschung erzähle, kommt von den Zuhörenden die Frage: “Gibt es überhaupt behinderte Detektive?” Allein diese Gegenfrage zeigt mir, dass die Aufmerksamkeit für diese Figuren überhaupt nicht gegeben ist. Sie gehören zum großen und beliebten Feld der Detektiv- und Kriminalliteratur und tragen zu deren Vielfalt bei. Durch den Detektiv mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung kann das Genre beispielsweise darauf aufmerksam machen, dass Menschen mit Behinderung noch immer nicht die Gleichberechtigung in der Gesellschaft erhalten, die sie verdienen.

Haben Sie schon Ergebnisse, über die Sie berichten können?

Tatsächlich noch nicht. Momentan bin ich noch in der Ausarbeitung meiner Daten, die ich aus zahlreichen Primärtexten zusammengestellt habe.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?

Ich schreibe mir täglich To-do-Listen mit Aufgaben, die ich abarbeiten möchte. Es ist ein gutes Gefühl, wenn diese Liste im Laufe des Tages kleiner wird und das gibt mir Motivation für den nächsten Tag. Da ich eine literaturwissenschaftliche Arbeit schreibe, lese ich natürlich viel. Dabei muss ich mich immer wieder daran erinnern, eine gute Balance zwischen Lesen und Schreiben zu finden, sonst verzettele ich mich beim Lesen. Aber ich war schon immer ein Bücherwurm. Deshalb gefällt es mir sehr, mich in meine Bücher zu verkriechen.

Wieso haben Sie sich für eine Promotion entschieden?

Besonders während meines Masterstudiums habe ich gemerkt, dass ich mich sehr gerne mit der wissenschaftlichen Analyse literarischer Texte beschäftige. Ich mag die Arbeit mit Büchern und die intensive Auseinandersetzung mit einer Fragestellung. Daher habe ich mich nach meinem Abschluss nicht für das Referendariat entschieden, das eigentlich nach meinem Lehramtsstudiums hätte folgen sollen, sondern für die wissenschaftliche Arbeit. An der Universität in Koblenz wurde mir dabei sehr geholfen.

Warum gerade in Koblenz?

Ich komme aus der Nähe und habe hier in Koblenz Gymnasiallehramt für Englisch und Deutsch studiert. Während des Masters habe ich als studentische Hilfskraft in der Anglistik und Germanistik gearbeitet. Ein Anschubstipendium des Projekts NaWi am Interdisziplinären Promotionszentrum (IPZ) das Nachwuchswissenschaftler fördert, hat es mir ermöglicht, meine Ideen für die Promotion weiter zu verfolgen und einen guten Übergang zwischen Masterabschluss und Promotion zu erreichen. Die Uni bietet also sehr gute Förderungsmöglichkeiten für Studierende, die Alternativen zum Lehramt suchen.

Wie wird Ihre Promotion finanziert?

Mein Promotionsstipendium trägt die Graduiertenschule Genderforschung (GGf), die mir die Möglichkeit des fachlichen Austausches in einem Graduiertenkolleg mit anderen jungen Genderforscherinnen bietet. Wir sind alle über Mail und Forschungswerkstätten miteinander vernetzt. Mit einer Kollegin teile ich mir ein Büro und die zuständige Leitung der GGf ist auch immer erreichbar.

Was sind Ihre beruflichen Pläne für die Zukunft?

Eine Möglichkeit wäre es, in der Forschung zu bleiben. Aber ich möchte mich auch auf dem außeruniversitären Arbeitsmarkt umsehen. Ich könnte mir zum Beispiel sehr gut vorstellen, als Lektorin in einem Verlag oder direkt bei einem Lektorat zu arbeiten. Grundsätzlich bin ich aber offen für alles Mögliche, was sich bietet. Es wäre aber schön, wenn die Arbeit mit Texten und Büchern weiterhin ein Bestandteil meiner Tätigkeit bliebe.

Welche Aufgaben ergeben sich noch im Zuge Ihrer Promotion?

Lesen, Denken, Schreiben und Korrigieren. Ich muss lesen, was bereits zu meinem Thema geschrieben wurde, überlegen, welche Verbindungen oder Ideen noch fehlen und diese dann schriftlich festhalten. Und natürlich die regelmäßigen Korrekturschleifen meines Manuskripts nicht vergessen.

Was unternehmen Sie, um sich zusätzlich zu qualifizieren?

Ich nehme an den Kursen und Weiterbildungsangeboten vom Interdisziplinären Promotionszentrum (IPZ) teil, das für Promotionsinteressierte, Promovierende und Postdocs tolle Angebote bietet. Ich engagiere mich aber auch im Club Junges Forschen. Dort arbeite ich mit einem Team daran, hervorragende Hausarbeiten oder Abschlussarbeiten von Studierenden sichtbar zu machen. Aktuell sind wir dabei, eine Festschrift aufzusetzen und gelungene Abschlussarbeiten in verkürzter Form zu veröffentlichen. Der Club ist interdisziplinär und wir haben Abstracts aus allen möglichen Fachbereichen.

Was sollten Studierende mitbringen, die an eine Promotion denken?

Auf jeden Fall viel Interesse am eigenen Thema. Man beschäftigt sich über eine so lange Zeit damit, dass eine große Portion Leidenschaft einfach erforderlich ist. Wichtig sind auch Durchhaltevermögen, Konzentration, Selbstorganisation und Selbstdisziplin. Vor allem hilft mir aber mein soziales Umfeld dabei, die Höhen und Tiefen, die eine Promotion mit sich bringt, zu verarbeiten.

Was ist Ihre Motivation?

Ich habe Spaß am Schreiben, am Lesen und am Produzieren eigener Texte und Ideen. Es gibt oft Durchhänger, denn Selbstzweifel wie “Das wird niemand lesen” und “Das interessiert sowieso keinen” kommen natürlich auf. Allerdings werden sie gedämpft, wenn man sieht, dass auch andere zu ähnlichen oder benachbarten Themen arbeiten und dass das Thema Behinderung in der Literatur gerade stetig wächst. Es zeigt mir, dass die Ideen hinter meiner Arbeit es wert sind, weiter verfolgt zu werden und dass ich somit einen entsprechenden Beitrag für die Gesellschaft leisten kann.

Das Interview führte Sarah-Maria Scheid

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