Uni-Menschen
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Ein Klumpen Erde mit unendlichen Möglichkeiten

Stolz präsentiert Karin Flurer-Brünger, Keramikmeisterin und Dozentin am Campus Landau, neuste Kreationen in ihrer Werkstatt in Klingenmünster. Fotos: Eva Korn

Stolz präsentiert Karin Flurer-Brünger, Keramikmeisterin und Dozentin am Campus Landau, neuste Kreationen in ihrer Werkstatt in Klingenmünster. Fotos: Eva Korn

Ton ist ein preiswertes, motivierendes, ungiftiges und nachhaltiges Material, das kreative Erfahrungen und Ergebnisse auf allen Niveaus ermöglicht. Darum wird Karin Flurer-Brünger nie die Lust an ihm verlieren. Als Keramikmeisterin, Diplompädagogin, Förderlehrerin und Lehrbeauftragte am Institut für Kunstwissenschaft und Bildende Kunst am Campus Landau prägt das Kunsthandwerk ihren Alltag. Was man von Kindern lernen kann, wie man die eigene Kreativität schult und was für sie das schönste Gefäß überhaupt ist, erzählt Karin Flurer-Brünger im Interview. 

 Foto: ColourboxIn unserer Serie Uni-Menschen stellen wir euch interessante Persönlichkeiten vor, die an der Universität Koblenz-Landau studieren und arbeiten.

Wie lange gehört das Kunsthandwerk schon zum Repertoire des Menschen?

Seine Geschichte reicht weit in die Vergangenheit zurück. Ton steht als Material fast überall auf der Erde zur Verfügung. Das Gestalten mit Ton ist eines der ältesten Handwerke der Menschheit, deren Geschichte zu einem wesentlichen Teil dank des gebrannten Tons dokumentiert ist. Die Entwicklung zur Sesshaftigkeit wäre ohne Keramikgefäße im alltäglichen Gebrauch nicht denkbar gewesen. Außerdem wurden und werden aus Ton sehr beachtliche Kunstwerke für kultische und bauliche Zwecke erschaffen: Das Ischtar-Tor oder Kirchen und Moscheen, beispielsweise in Isfahan. Bei meinen Reisen halte ich immer die Augen offen. Ich suche bewusst Kunsthandwerker:innen und Künstler:innen anderer Kulturen auf, um ihre spezifische regionale Handwerkskunst zu entdecken.

Was fasziniert Sie am Keramikerhandwerk?

Karin Flurer-Brünger findet im Modellieren von Ton Meditation und Ruhe.

Karin Flurer-Brünger findet im Modellieren von Ton Meditation und Ruhe.

Mit einem einfachen Klumpen Tonerde etwas zu erschaffen, das Spielen mit den zahlreichen Möglichkeiten und die Freude daran, immer etwas Neues zu entdecken. Das Formen von Gefäßen an der Töpferscheibe übt eine meditative und entspannende Wirkung aus. Es ist mehr als zufriedenstellend, das fertige Werk in den Händen zu halten.

Wodurch unterscheidet sich Ton von anderen Werkstoffen? 

Ton ist der Alleskönner unter den Materialien. Im ungebrannten Zustand kann man ihn wiederverwenden und neue Kunstwerke daraus erschaffen, sogar nach Jahrtausenden. Das unterscheidet ihn von anderen Materialien wie Holz, Metall oder Textilien. Dabei ist Ton nicht nur nachhaltig, widerstandsfähig und vielseitig einsetzbar, sondern auch preiswert.

Woran arbeiten Sie am liebsten?

Meine Vorlieben ändern sich ständig. Aktuell beschäftige ich mich damit, die Wirkung von Leichtigkeit zu erzeugen, was gar nicht so leicht ist, wie es klingt. (lacht) Ich versuche, den schweren, erdigen Ton schwerelos wirken und fast schweben zu lassen. Besonders faszinierend fand ich schon immer Schalen aus Ton. Die Schale ist das schönste und wichtigste Gefäß der Menschheit. Sie ist vielfältig einsetzbar und dient seit Jahrhunderten als Hilfsmittel der Nahrungsaufnahme der Menschen. Bereits einige Male habe ich „Empty Bowls“-Aktionen organisiert, bei denen handgemachte Tonschalen mit Suppe gefüllt und zugunsten von armen Kindern verlost werden. Wichtig ist hier die Symbolik: Die Schüsseln sollen an die Kinder erinnern, deren Schalen oftmals leer bleiben.

Kann man lernen, kreativ zu sein?

Ja! Dabei lohnt sich ein Blick auf das unbeschwerte Spielen der Kinder am Strand oder im Garten. Sand beispielsweise hat wie Ton einen Aufforderungscharakter. Irgendetwas entsteht immer und ist dabei stets dem Wandel unterworfen. Fließt Wasser über den Sand, wird Altes verworfen und Neues erschaffen. Im kindlichen Spiel ist so viel Kreativität vorhanden. Gerade im Erwachsenenalter sollten wir uns bemühen, diese Unvoreingenommenheit zu erhalten.

Nicht nur das Modellieren von Ton, auch die Farbwahl des Kunstwerks ist ein entscheidender Schritt im Entstehungsprozess.

Nicht nur das Modellieren von Ton, auch die Farbwahl des Kunstwerks ist ein entscheidender Schritt im Entstehungsprozess.

Verraten Sie uns eine Kreativitätsübung? 

Nehmen Sie sich Stift und Blatt zur Hand und zeichnen Sie einfach drauf los. Aus kleinen Skizzen lassen sich tolle Kunstwerke erschaffen, auch wenn es anfangs nicht danach aussieht. Genauso kann aus einem einfachen Tonklumpen ein Fantasiewesen gestaltet werden. Probieren Sie es aus, Sie werden staunen!

Welchen Einfluss nimmt es auf Künstler:innen, wenn ihre Kunstwerke negativ bewertet werden? 

Jeder Mensch freut sich über Anerkennung, nicht nur Künstler:innen. Abwertung kann sehr entmutigen, darum finde ich es außerordentlich wichtig, dass besonders Kinder unterstützt und ermutigt werden. Dabei können Noten destruktiv wirken. Konstruktive Kritik motiviert und führt im Idealfall zu einem Reflektions- und Lernprozess. Es ist wichtig, dass wir als Dozierende die Studierenden ermuntern, bei Wettbewerben mitzumachen. Man muss lernen, dass ein anderer Mensch die gleiche Kunst ganz anders beurteilen kann.

Ist Kunst überhaupt objektiv zu bewerten? 

Die Bewertung von Kunst ist zu einem gewissen Teil subjektiv. Dennoch gibt es Kriterien, die allgemeine Gültigkeit haben. Dazu zählen vor allem Fachkenntniss und Wissen über Material und Technik, Können, Geschick, Begabung und Wahrnehmungsfähigkeiten.

Wie reagieren Sie auf Vorurteile gegenüber dem Kunsthandwerk?

Wer definiert was Kunst ist? Bisher wurden individuelle künstlerische Arbeiten mit hoher Qualität auf breiter fachlicher Basis in Deutschland weniger wertgeschätzt als industriell gefertigte Kunst. Denken Sie an das bekannte Meissener Porzellan. Nicht viele Menschen sind bereit, den Wert handwerklich gefertigter Kunst anzuerkennen und den entsprechenden Betrag zu bezahlen.In anderen Kulturen wie beispielsweise Japan ist das anders. Erfahrende Kunsthandwerker:innen werden als lebende Kulturschätze verehrt und vom Staat finanziell gefördert. Das schlägt sich auch in den Preisen nieder. Aber ich beobachte eine Entwicklung in Deutschland: Es gibt eine wachsende Begeisterung für individuelle Kunstobjekte. Inzwischen werden über das UNESCO-Weltkulturerbe sogar alte Handwerkstraditionen gefördert.

Die beiden Gefäße wurde von Karin Flurer-Brünger aus weißem Westerwälder Steinzeugton gefertigt. Das außergewöhnliche Schwarz verdanken sie den Rauchschwaden im Kohlenmeiler Erfweiler, denen sie zehn Tage und Nächte ausgesetzt waren. Foto: Privat

Die beiden Gefäße wurde von Karin Flurer-Brünger aus weißem Westerwälder Steinzeugton gefertigt. Das außergewöhnliche Schwarz verdanken sie den Rauchschwaden im Kohlenmeiler Erfweiler, denen sie zehn Tage und Nächte ausgesetzt waren. Foto: Privat

Sie engagieren sich unter anderem im sonderpädagogischen Bereich. Welchen Einfluss kann die Beschäftigung mit Kunst auf die Förderung von Kindern und Jugendlichen haben?

Die Hände und das Gehirn stehen in einer unmittelbaren Verbindung. Wird das künstlerische Tun mit den Händen gefördert, hat das einen starken Einfluss auf geistige und körperliche Entwicklungen und Funktionen. So lässt sich Abstraktes haptisch erfahren und begreifen. Und was ich begriffen habe, hat einen Platz im zukünftigen Denken und Handeln. In der Sonderpädagogik hat die Förderung durch künstlerisches Tun mit den Händen eine besondere Bedeutung, weil andere Möglichkeiten manchmal nicht zur Verfügung stehen.

Was macht Kunst in der aktuellen Zeit so wichtig? 

Derzeit beobachte ich ein enormes Bedürfnis, etwas mit den Händen zu erschaffen. Die Menschen töpfern und stricken wieder. Meditative Arbeit dient als Ausgleich zur sich intensivierenden Nutzung digitaler Medien. Durch die Kunst kann man dem grauen Alltagstrott entfliehen. Gemeinsame Kunstprojekte gleichen die Flut an Online-Unterricht aus. Mit allen Sinnen etwas zu tun, etwas zusammen erleben, gemeinsam Ideen sprudeln lassen, Kreativität unbewertet ausleben, an Gestaltungsideen anderer anknüpfen, mutig werden und Erfolg erleben – das kann uns beflügeln. 

Interview: Elena Panzeter

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