Studium & Lehre
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Ein Heiliger und ein Drache für Kinder in Notlagen

Die Koblenzer Studentinnen Simone Kohl, Pauline Hensch und Carina Schumacher richten sich mit der Kindergruppe Nepomuk an die Kinder von Eltern, die an psychischen Erkrankungen leiden. Sie leiten die Gruppe gemeinsam mit der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Anne-Kathrin Bohrer. Foto: Lea Adams

Die Koblenzer Studentinnen Simone Kohl, Pauline Hensch und Carina Schumacher richten sich mit der Kindergruppe Nepomuk an die Kinder von Eltern, die an psychischen Erkrankungen leiden. Sie leiten die Gruppe gemeinsam mit der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Anne-Kathrin Bohrer. Foto: Lea Adams

Einen Elternteil zu haben, der mit Depressionen kämpft,  eventuell sogar mit der Angst leben zu müssen, Mama oder Papa könnte sich eines Tages umbringen – man kann sich vorstellen, welchen Belastungen Kinder dadurch ausgesetzt sind. Die Koblenzer Kindergruppe Nepomuk will sich dieser Problematik annehmen und Kinder  von Eltern mit psychischen Erkrankungen in ihrer belastenden Situation unterstützen.

Die Kindergruppe Nepomuk richtet sich an Kinder von 6 bis 11, bei denen ein oder beide Elternteile an einer psychischen Erkrankung leiden. Die Beratung findet wöchentlich im Bürgerzentrum in Lützel statt und ist kostenfrei. Das Angebot wird von  Pädagogik-Studierenden der Universität in Koblenz mitorganisiert.

In Deutschland leben Schätzungen zufolge über drei Millionen Kinder mit mindestens einem Elternteil, der an einer psychischen Erkrankung leidet. Auch wenn die betroffenen Elternteile oft psychotherapeutisch versorgt werden, fehlen häufig Anlaufstellen, in welchen auch die Kinder der Betroffenen Unterstützung finden können. Das Koblenzer Projekt Kindergruppe Nepomuk soll dabei helfen, diese Versorgungslücke zu schließen. Im Zuge eines Praxisprojekts im Bachelor Pädagogik haben 21 Studierende gemeinsam mit der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Anne-Kathrin Bohrer eine Gruppe für Kinder gegründet, die sich in einer solchen Situation befinden. Kinder im Alter von 6 bis 11 Jahren können zukünftig in wöchentlichen Treffen im Bürgerzentrum in Koblenz-Lützel zusammentreffen. Dort finden sie Austausch mit anderen betroffenen Kindern, können über ihre Probleme mit pädagogisch geschulten Ansprechpartner:innen reden und erleben eine Auszeit von den Schwierigkeiten ihres Alltags. Zuständig für die Gruppe sind die Studentinnen Simone Kohl, Pauline Hensch und Carina Schumacher. Zudem wird das Team durch die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Anne-Kathrin Bohrer fachlich angeleitet.

Unsere Serie Studium & Lehre gibt Antworten und Hilfestellungen rund ums Studium und stellt besondere Projekte vor.

Wenn Eltern leiden, leiden Kinder mit

Teil der Notlage der betroffenen Kinder ist, dass aus psychotherapeutischer Sicht zunächst die depressive Person selbst, also der Elternteil und seine Probleme ins Blickfeld der Beratenden geraten. Familienangehörige leiden aber unter der Situation deutlich mit. Forschungsergebnisse zeigen, dass die Kinder der Betroffenen besonders gefährdet sind, irgendwann ebenfalls eine psychische Erkrankung zu erleiden. Das wird jedoch meist erst bemerkt, wenn die psychischen Störungen bei ihnen schon auffällig werden.

Die Kinder können das Verhalten der Eltern oft nicht begreifen und versuchen, selbst Erklärungsansätze dafür zu finden. In ihrer Hilflosigkeit suchen sie die Schuld oft bei sich. Nicht selten übernehmen sie im Zuge dessen viel mehr Verantwortung, als sie in ihren jungen Jahren tragen können. Wut und Trauer stauen sich an, aber es fehlt an Möglichkeiten zur Aussprache, weil die Kinder ihre Probleme vor Freunden und der äußeren Welt verstecken. Dabei könnte die Situation solcher Kinder gut entlastet werden, wenn weitere Bezugspersonen zur Stelle wären, welche die Familiensituation mit ihnen besprechen und Erklärungsmodelle für das Verhalten der Eltern liefern. Mit der richtigen Unterstützung können sich solche Kinder trotz vorhandener Belastungen gut entwickeln.

Das Konzept der Kindergruppe

Genau diesem Ziel widmet sich die Kindergruppe Nepomuk. Im Fokus steht dabei, das Selbstwertgefühl der Kinder zu fördern und Selbstwirksamkeit aufzubauen. So lernen sie, an sich selbst zu glauben und auch schwierigen Situationen begegnen zu können. Durch die Gruppe soll ein Ort der Sicherheit und des Vertrauens entstehen. Auf spielerische Weise sollen die Kinder hier soziale, kommunikative und emotionale Kompetenzen erlangen, die es ermöglichen, zukünftige Konflikte besser lösen zu können. Beispielsweise sollen die Kinder nicht immer aussprechen müssen, wie sie sich fühlen. Stattdessen können sie dafür bereitgestellte Fotografien nutzen, auf denen die Gesichter von Menschen in unterschiedlichen Stimmungslagen zu sehen sind. So können ihre Selbstwahrnehmung und ihr Umgang mit den eigenen Gefühlen gefördert werden.

Anhand solcher Spiele einerseits und dem Austausch mit kompetenten Ansprechpartnern andererseits sollen die Kinder in der Idee bestärkt werden, aktiv auf ihre Situation Einfluss nehmen zu können. Durch gemeinsame Abendessen soll zudem das Gemeinschaftsgefühl gestärkt werden, sodass sie wissen, dass sie nicht alleine dastehen. Die Gruppe soll den Kindern neben der fachlichen Hilfestellung also auch Spaß und Fürsorge bieten.

Das Projekt, welches größtenteils durch Spenden finanziert wird, ist für die Betroffenen kostenlos und freiwillig. Derzeit sammeln die engagierten Studierenden noch Anmeldungen, bevor das wichtige Projekt in die nächste Phase gehen kann. Ab dem 26. August finden dann im wöchentlichen Rhythmus donnerstags Treffen mit den Kindern statt. Damit bis dahin möglichst viele der betroffenen Eltern und Kinder im Raum Koblenz von der Gruppe erfahren, ist das Team mit verschiedenenen Schulen und anderweitigen Einrichtungen in Kontakt getreten. Interessierte Eltern sollen zunächst in Kennenlerngesprächen über das Konzept der Gruppe informiert werden. So können sie sich versichern, dass ihr Kind kompetente Unterstützung erhält und gut aufgehoben ist, aber auch, dass ein Verhältnis des Vertrauens und der Diskretion gegeben ist.

Nepomuk im Einsatz

Der Name der Gruppe greift den Aspekt der Verschwiegenheit auf: Dem heiligen Nepomuk widerfuhr aufgrund der Bewahrung eines Geheimnisses der Märtyrertod. Gleichzeitig ist der Name, wie auch das Gruppenlogo zeigt, eine Anlehnung an den kleinen Drachen Nepomuk, der in dem beliebten Kinderbuch Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer etwas Hilfe zu seinem Glück benötigte. Mit Lukas und Jim traf er auf die richtigen Personen, die ihm in seiner misslichen Lage helfen konnten. Gleiches bleibt auch für die vielen Kinder von Eltern mit psychischen Erkrankungen zu hoffen, die bald in der Kindergruppe Nepomuk Unterstützung finden können.

Lea Adams

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