Ehrenamt: Studis engagiert
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Ehrenamtlich feiern gehen

Neben ihrem Sonderpädagogikstudium arbeitet Marie Dingeldein ehrenamtlich in der Mitfeierzentrale. Hier hilft sie, dass Menschen mit Behinderung feiern gehen können. Foto: Philipp Sittinger

Neben ihrem Sonderpädagogikstudium arbeitet Marie Dingeldein ehrenamtlich in der Mitfeierzentrale. Hier hilft sie, dass Menschen mit Behinderung feiern gehen können. Foto: Philipp Sittinger

Viele Studierende gehen gerne feiern, so auch Marie Dingeldein. Doch einige Menschen können das nicht ohne Weiteres. Die 25-jährige Sonderpädagogikstudentin findet das unfair. Im Artikel erklärt sie, wie sie das ändern möchte und was ihr Engagement mit ihrer Oma zu tun hat.

In einen Club gehen, feiern, tanzen, trinken, Spaß haben – und wieder nach Hause gehen. Die meisten Studierenden besuchen gern und regelmäßig Partys in der Stadt. Doch für manche Menschen ist das nicht so einfach. “Menschen, deren kulturelle Teilhabe eingeschränkt ist”, beschreibt der AStA Landau die Teilnehmer bei der sogenannten Mitfeierzentrale. Das Ziel der Zentrale ist, diesen Menschen solche Abende zu ermöglichen, an denen sie möglichst “normal” Teil einer Party sein und mit Freunden feiern können. In Zusammenarbeit mit Wohnheimen sucht das Organisationsteam um Christine Schowalter, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Campus Landau, Studierende, die die Bewohner einen Abend beim Feiern begleiten. Studierende wie Marie Dingeldein. Die Sonderpädagogikstudentin engagiert sich ehrenamtlich für Menschen mit Behinderung: bei der Mitfeierzentrale und beim Club Behinderter und Ihrer Freunde e.V. in Landau.

Wer fremdelt mehr?

Die Serie

Ehrenamt. Foto: Perry Grone/UnsplashSich für andere einsetzen und selbst dazulernen – ein Ehrenamt kann das Studium inhaltlich bereichern und den Horizont erweitern. In unserer Rubrik “Ehrenamt: Studis engagiert” zeigen Studierende, welche ehrenamtlichen Beschäftigungen sich anbieten und wie man die Balance hält zwischen Stundenplan und Initiative.

Dingeldein erzählt von einem Abend der Mitfeierzentrale, als die Helfer mit den Studierenden im Club Jeanne d’ Arc in Landau feierten. “Zu Beginn haben alle ein bisschen gefremdelt”, erinnert sich Dingeldein, “die Studis sogar mehr als die Bewohner.” Das habe sich allerdings schnell gelegt, denn die meisten Helfer seien Sonderpädagogikstudenten und hätten daher Vorerfahrungen. Es gab auch eine Art Rückzugsort, einen Raum mit einem Ansprechpartner, in dem sich die Teilnehmer treffen konnten, falls sie mit etwas überfordert oder unsicher waren. Spaß mache ihr eigentlich alles, tanzen, sich austauschen – alles wie an anderen Abenden auch. Schwierig war es allerdings, wenn andere Besucher des Clubs fremdelten, sich deshalb komisch benahmen oder sogar mit dem Handy filmten. “Das geht gar nicht, denen habe ich direkt was erzählt!”.

Für die Teilnehmer sind die Abende mit der Mitfeierzentrale ein Highlight. Und auch die Betreuer hatten Spaß: “So gut wie alle Studis haben nachher gesagt, sie würden wieder mitmachen”, erinnert sich Dingeldein. Das sei die Hauptaufgabe: Spaß haben, mit den Bewohnern zusammen sein und darauf achten, dass nichts passiert. “Wenn ich mit meinen Kommilitonen feiern gehe, ist das auch nicht anders. Wir passen ja auch aufeinander auf.” Voraussetzung gibt es für das Ehrenamt so gut wie keine. “Lust auf Feiern ist eventuell hilfreich”, überlegt sie, “und wenn man Berührungsängste hat, kann man die dabei abbauen.” Meistens gehen sie gemeinsam in eine Disko. Manchmal wünschen sich die Bewohner auch einen Besuch in einer Bar oder einem Biergarten. Dabei soll eine Eins-zu-eins-Betreuung gewährleistet sein.

Auflagen und Verbote

Mit der Mitfeierzentrale verfolgt das Team um Christine Schowalter ein großes Ziel: Es möchte die soziale Abschottung von Menschen mit Behinderung reduzieren. “Dafür müssten feste gesellschaftliche Strukturen verändert und teilweise aufgehoben werden. Das ist eigentlich nicht möglich”, erklärt Marie Dingeldein. Problematisch seien beispielsweise schon die versicherungstechnischen Auflagen. Dazu gehören auch das Verbot von hartem Alkohol oder feste Uhrzeiten, zu denen alle gemeinsam nach Hause fahren. “Mir hat noch niemand verboten, harten Alkohol zu trinken. Da fängt die Unterscheidung ja schon an.”

Die 25-Jährige ist auch im Planungsteam dabei. Der Grund: Sie war so begeistert von der Idee, dass sie das Konzept auch in Wiesbaden umsetzen wollte. Das Kulturzentrum Schlachthof in Wiesbaden bietet sich dafür besonders an, denn es ist barrierefrei. Fast täglich finden dort Veranstaltungen statt. Doch es stellte sich schnell heraus, dass der Veranstaltungsort ein eher geringes Problem bei der Umsetzung der Idee ist. “Ich brauche auch Wohnheime, die kooperieren und Mitarbeiter zur Betreuung mitschicken. Außerdem benötigen wir Ehrenamtliche, die Lust haben, mitzumachen.” In Landau sei das etwas einfacher, da hier viele Sonderpädagogik studierten und oft weniger Berührungsängste hätten.

Freundschaften und Kniffel

Neben ihrer Hilfe bei der Mitfeierzentrale engagiert sich Marie Dingeldein seit drei Jahren beim Club Behinderter und ihrer Freunde Südpfalz e.V. Lange half sie im Fahrdienst, inzwischen geht sie regelmäßig donnerstags zu den Treffen im Clubhaus in der Münchener Straße in Landau. Ursprünglich waren die Treffen als inklusive Abende geplant, praktisch kommen aber vor allem Ehrenamtliche und die Bewohner verschiedener Wohnheime. Sie werden für den Abend abgeholt und wieder nach Hause gebracht. Alle essen gemeinsam, spielen und unterhalten sich. Besonders wichtig sei dabei, dass die Ehrenamtlichen nicht besonders gekennzeichnet sind. Es soll so nur wenige Unterschiede zwischen den verschiedenen Teilnehmern des Abends geben.

“Ich bin einfach gerne dort, ich mag die Leute und inzwischen sind auch schon starke Freundschaften entstanden”, erzählt sie. Wenn sie ein paar Wochen nicht dort war, merkt sie, wie sehr sie die anderen Teilnehmer der regelmäßigen Treffen vermisst. Besonders gerne spielt sie mit den Bewohnern Kniffel. Geredet wird meistens über alltägliche Themen wie die Arbeit. “Einer ist verlobt. Er erzählt immer ganz begeistert und hat oft viele Fragen”, freut sie sich.

Kostenloser Eintritt für Helfer

Beim Fahrdienst hatte Dingeldein vor allem mit Senioren und Demenzkranken zu tun, die sie zu Tagesbegegnungsstätten gebracht und wieder abgeholt hat. “Ich habe viele nette Erinnerungen an die Zeit. Eine Frau zum Beispiel sang beim Autofahren immer gern ein bestimmtes Lied. Die anderen Mitfahrer bettelten irgendwann, sie solle endlich aufhören. Die konnten es nicht mehr hören!” Motiviert hat sie auch ihre Oma. “Die Menschen erinnern mich immer ein bisschen an sie, obwohl sie noch total fit ist. Wenn es aber mal so weit sein sollte, dass sie auf Hilfe angewiesen ist, möchte ich, dass sie auch von einer netten jungen Frau betreut wird”, hofft sie.

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