Ehrenamt: Studis engagiert
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Der postkoloniale Blick auf Koblenz

Katharina Schmitt und Stefanie Kröber haben zusammen mit ihrer Kommilitonin Elena Lörsch den Verein Koblenz Postkolonial gegründet. Fotos: Milena Alemanno

Katharina Schmitt und Stefanie Kröber haben zusammen mit ihrer Kommilitonin Elena Lörsch den Verein Koblenz Postkolonial gegründet. Fotos: Milena Alemanno

Was hat Edeka mit Kolonialismus zu tun? Und woher kommt der Name des Getränks Lumumba? Die Effekte des Kolonialismus sind anhaltend. Der Verein Koblenz Postkolonial beschäftigt sich mit den kolonialen Spuren in Koblenz. Die Kulturwissenschaftsstudentinnen Katharina Schmitt, Elena Lörsch und Stefanie Kröber haben den Verein 2019 gegründet und engagieren sich seither dafür.

Der Begriff Postkolonialismus erweckt bei manchen den Anschein, der Kolonialismus sei abgeschlossen. Stefanie Kröber erläutert: “Mit Postkolonialismus ist oft dieses Vorurteil oder die Annahme verbunden, der Kolonialismus sei vorbei. Postkoloniale Theorien gehen aber davon aus, dass die Machteffekte davon immer noch nachwirken und weiter bestehen.” Das heißt, auch wenn es formal keine Kolonien mehr gibt, sind demnach politische, soziale oder ökonomische Strukturen anhaltend und (re)produzieren Ungleichzeiten und Hierarchien. Postkoloniale Theorien hinterfragen solche Strukturen, zum Beispiel westliche Machtverhältnisse.

Inspiration aus dem Hörsaal

Ehrenamt. Foto: Perry Grone/Unsplash In unserer Serie Ehrenamt: Studis engagiert zeigen Studierende, wie man zwischen Stundenplan und Initiative die Balance hält.

“Es ist wichtig, Erinnerungsarbeit zu leisten, weil viele Leute über den Kolonialismus wenig bis gar nichts wissen. Und ich glaube, wenn man in der eigenen Stadt plötzlich ein Denkmal oder einen Straßennamen damit verbinden kann, dann interessiert man sich mehr dafür”, erklärt Stefanie Kröber. Auch unter den Vereinsmitgliedern hatten viele keinen Bezug zum Kolonialismus, bis sie in einem Seminar bei der Professorin Ina Kerner, Leiterin des Instituts für Kulturwissenschaft am Campus Koblenz, saßen. Sie machte ihre Studierende mit postkolonialen Theorien und kolonialen Relikten in Koblenz vertraut. 

Daraufhin ergriff Katharina Schmitt die Initiative und suchte nach Mitgliedern, um einen Verein zu gründen. “Es geht darum, das Thema aus dem akademischen Raum in die Stadt hineinzutragen”, meint Schmitt. Der Verein möchte Spuren der Kolonialzeit  in Koblenz sichtbar machen und kritische Erinnerungsarbeit leisten. Und damit ist er nicht allein – in vielen anderen Städten wie Berlin, München und Köln gibt es bereits ähnliche Initiativen.

Hörbar anders

Seit der Gründung des Vereins konnten erste Veranstaltungen in Kooperation mit dem Seminar politische Wissenschaft abgehalten werden. Zudem organisierte Ruby Nilges, eine Schülerin des Koblenz-Kollegs, mit dem Verein einen Stadtrundgang mit postkolonialem und nationalsozialistischem Schwerpunkt. Bei solchen alternativen Rundgängen kann es zum Beispiel Hinweise auf Straßen geben, die nach kolonialen Funktionären benannt wurden, oder auf weitere koloniale Spuren.

Aktuell erschwert die COVID-19-Pandemie dem Verein weitere Aktionen. Einen Lichtblick bietet der geplante Podcast, dem sich Schmitt und Lörsch widmen wollen. “Wir finden, dass Podcasts ein sehr gutes Medium sind, um mehr Menschen zu erreichen. Es gibt sowohl im deutschen Raum als auch anderswo nicht viele, die sich ausschließlich mit Kolonialismus beschäftigen”, erklärt Lörsch. Der Podcast soll die Aktualität des Themas verdeutlichen und zum Gespräch anregen. “Wir wollen zeigen, welche Bezüge unser Alltag zum Kolonialismus hat. Es ist ja meistens so, dass man sich mehr für etwas interessiert, was einen selber betrifft”, führt Lörsch weiter aus.

Koloniale Spuren direkt vor der Nase

Elena Lörsch möchte mit dem Verein Spuren der Kolonialzeit in Koblenz sichtbar machen und kritische Erinnerungsarbeit leisten.

Elena Lörsch möchte mit dem Verein Spuren der Kolonialzeit in Koblenz sichtbar machen und kritische Erinnerungsarbeit leisten.

Einige koloniale Spuren sind nicht so offensichtlich wie Denkmäler oder Straßennamen. So würden die wenigsten den Lumumba, ein Kakaogetränk mit hochprozentigem Alkohol, das auf Weihnachtsmärkten ausgeschenkt wird, damit in Verbindung bringen. Der Name stammt von Patrice Lumumba, der 1960 zum ersten Premierminister des unabhängigen Kongo gewählt wurde. Dem ehemaligen belgischen Kolonialherren war Lumumba durch seine Unabhängigkeitsbestrebungen ein Dorn im Auge, was kurz nach seinem Amtsantritt zu seiner Ermordung führte. Ebenso denkt vermutlich niemand bei Edeka an einen Kolonialwarenladen. Tatsächlich war der Name jedoch ursprünglich eine Abkürzung für “Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler”. “Das sind Dinge, die erst mal niemand hinterfragt”, bemerkt Katharina Schmitt. Deshalb möchten Schmitt und Lörsch mit dem Podcast ein größeres Bewusstsein für das Thema schaffen, indem sie historische Bezüge herstellen und die Alltagsnähe des Kolonialismus zeigen.

Eingang in die Öffentlichkeit

Der neue Verein erfreut sich bisher vieler positiver Reaktionen – nicht nur innerhalb der Universität, auch in der Stadt. Gerade weil das Thema für viele neues Terrain ist, gibt es viel zu lernen. Erst Mitte der 80er-Jahre kam es in Universitäten auf. Doch schon in der Nachkriegszeit haben sich Intellektuelle mit dem Kolonialismus auseinandergesetzt. Auch wenn sich viele Initiativen schon sehr lange dem Thema widmen, ist die mediale Aufmerksamkeit neu. Thema der Berichterstattung sind vor allem Debatten um das jüngst eröffnete Humboldt-Forum in Berlin, in dessen Sammlung sich Objekte aus ehemaligen Kolonien befinden.

Beteiligung im eigenen Ermessen

In Zukunft möchte der Verein weitere Stadtrundgänge planen, Veranstaltungen organisieren und möglicherweise an Schulen aktiv werden. Wer möchte, kann sich beteiligen. “Man muss nicht Teil des Vereins sein, um sich engagieren zu können”, betont Katharina Schmitt. Wer sich anders einbringen möchte kann zum Beispiel einen Beitrag für die Homepage schreiben, einen Stadtrundgang planen und oder durchführen oder einfach ein Thema vorschlagen. Kontaktaufnahmen sind über die Homepage, Facebook- und Instagramseiten sowie per Mail möglich. Dort wird es auch neue Informationen zum Podcast geben.

Nadja Riegger

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