Promovierende im Interview
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Visuelle Darstellung von Sprache in Kamerun

Im Rahmen ihrer Doktorarbeit verbrachte Neele Mundt ein Jahr in Kamerun. Foto: Philipp Sittinger

Im Rahmen ihrer Doktorarbeit verbrachte Neele Mundt ein Jahr in Kamerun. Foto: Philipp Sittinger

Ein Jahr lang hat Neele Mundt in Kamerun gelebt und für ihre Doktorarbeit etliche Fotos ausgewertet. Sie untersucht die visuelle Darstellung von Sprache im öffentlichen Raum, also die multilinguale Linguistic Landscape der Hauptstadt Kameruns. Dafür hat sie unter anderem Straßenschilder in Kameruns Hauptstadt Yaoundé fotografiert. 

Sie haben in Landau Englisch auf Lehramt studiert. Danach stand dann die Entscheidung an: Lehrerin oder Doktorarbeit?

Ich weiß gar nicht so genau, ob es unbedingt das Referendariat geworden wäre. Ich wollte etwas machen, das mich wirklich fasziniert. Die Doktorarbeit war für mich eine Möglichkeit, etwas Spannendes zu tun. Sonst hätte ich mich vermutlich im Bereich Entwicklungsarbeit umgeschaut.

Haben Sie dann direkt mit der Doktorarbeit angefangen?

Ich habe relativ zügig mit der Literaturrecherche begonnen. Es war mir – natürlich auch in Absprache mit meinem Doktorvater – klar, dass ich etwas zu Kamerun mache. Ich habe mich schnell dazu entschlossen, mindestens ein Jahr dorthin zu gehen. Daher habe ich mich recht früh für ein Stipendium beworben. Diese Vorbereitungszeit mit Schreiben des Exposés und der Organisation bis hin zur Zusage für das Stipendium hat ungefähr ein Jahr gedauert. Im September 2016 bin ich dann nach Kamerun gegangen.

Die Serie

Sie forschen, organisieren Tagungen oder schreiben Fachartikel: In dieser Serie berichten wir über Promovierende und ihre Forschung an unserer Universität. Und fragen: Was ist ihr Thema? Was sind ihre Leidenschaften? Wieso haben sie sich für eine Promotion entschieden? Wie organisieren sie ihr Arbeitspensum?

Konnten Sie dort ein Jahr lang ausschließlich forschen?

Ich war dort an zwei Forschungsprojekten beteiligt, habe nebenbei an der Uni Kurse besucht und gegeben und leitete auf freiwilliger Basis einen Kinderkurs am Goethe Institut, um auch dort einen Bezugspunkt zu bekommen.

Warum wollten Sie nach Kamerun?

Ich fand Afrika schon immer total spannend. Ich war mal vier Wochen in Marokko unterwegs und wollte mir auch Zentralafrika schon immer anschauen. Das ist so faszinierend, weil es einfach völlig anders ist als das, was wir hier in Deutschland kennen. Ich reise sowieso gerne und bin viel unterwegs. Dann hat sich das so über die Masterarbeit ergeben. In der habe ich Einstellungen zu Sprachen in Kamerun untersucht und war zwei Monate vor Ort. Ich lebte in der Zeit bei einer Familie und hatte Kontakt zu den Studierenden. Dadurch hat es sich schnell familiär angefühlt. Es ist auch aus der linguistischen Sicht ein total spannendes Feld. In Kamerun gibt es eine große sprachliche Diversität mit fast 280 lokalen Sprachen bei einer Population von gerade einmal 24 Millionen Menschen. Dazu kommen Französisch und Englisch als offizielle Sprachen Kameruns. Das macht es sprachwissenschaftlich sehr interessant.

Ist die offizielle Sprache in Kamerun Englisch?

Ja, aber auch Französisch. Momentan ist es so, dass in zwei von zehn Regionen hauptsächlich Englisch gesprochen wird. Die anderen acht Regionen sind französischsprachig. Nach der Unabhängigkeit Kameruns haben sich die anglophonen, also die Englisch sprechenden Kameruner, dazu entschieden, Teil Kameruns und nicht Teil Nigerias zu werden. Seitdem ist die anglophone Bevölkerung allerdings marginalisiert worden. Es wurden zum Beispiel frankophone Lehrer im anglophonen Raum eingestellt, die wenig Englisch sprechen, aber auf Englisch unterrichten sollten. Daher gibt es zwischen der englischsprachigen und der französischsprachigen Bevölkerung Konflikte, die 2016 zu Protesten der anglophonen Bevölkerung führten.

Und Sie haben sich das aus einer linguistischen Perspektive angesehen?

Ich wollte eigentlich in den anglophonen Raum, um da eine Untersuchung zum kamerunischen Englisch in der Linguistic Landscape zu machen. Ich bin im September 2016 in Kamerun angekommen, ein paar Tage später gingen die Proteste los. Mir wurde von Freunden und Kollegen geraten, wegen der Proteste und der Präsenz des Militärs nicht in den anglophonen Raum zu gehen. In solch einem Kontext linguistische Daten zu sammeln, ist natürlich relativ schwer. Deswegen habe ich das nicht getan.

Was untersuchen Sie jetzt?

Ich untersuche die multilinguale Linguistic Landscape in Yaoundé im Hinblick auf das kamerunische Englisch, denn auf der einen Seite ist Englisch die Amtssprache Kameruns und auf der anderen Seite ist es dort ebenfalls eine Minoritätensprache. Anglophone Kameruner werden diskriminiert, zum Beispiel wurden ein Freund und ich in einem Taxi schon einmal angeschrien, wir sollten gefälligst kein Englisch mehr sprechen.

Was widersprüchlich erscheint.

Ich gucke mir in der Hauptstadt an, wie die Visualisierung von Sprache im öffentlichen Raum, also die Linguistic Landscape, funktioniert. Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was die Regierung im öffentlichen Raum an Zeichen publizieren, und dem, wie Individuen die Linguistic Landscapes bilden. Und die Frage ist: Wie ist Sprache im öffentlichen Raum konstruiert? Das ist dann eine Gegenüberstellung von den sprachpolitischen Implementierungen und dem, was Bürger, wie zum Beispiel Ladenbesitzer, Sprachen auf ihren Ladenschildern oder auf Werbeplakaten nutzen. Das schaue ich mir in Bezug auf die englische Sprache an, weil sie eben diesen komplexen Status hat.

Wie gehen Sie vor, um das herauszufinden?

Ich habe fotografische Daten erfasst. Gemeinsam mit meinen studentischen Hilfskräften sammelten wir rund 2000 Fotos. Außerdem führten wir um die 100 Interviews und ich arbeitete mit zwei Linguisten zusammen, die jeweils auf lokale Sprachen spezialisiert sind. Ich habe mir Nachbarschaften angeguckt, die in verschiedener Distanz zum Zentrum liegen, sie fotografisch dokumentiert und bei jedem Standpunkt ca. 200 Bilder gesammelt.

Das sind wahnsinnig viele.

Ja, ich weiß. Aber ich hatte ja auch ein Jahr Zeit.

Mussten Sie alle 100 Interviews selbst transkribieren?

Ich habe die Interviews nicht aufgenommen, sondern Stichpunkte gemacht, habe einen mehr oder weniger losen Fragebogen abgearbeitet und mitgeschrieben. Deshalb musste ich nicht transkribieren.

Das klingt trotzdem sehr aufwändig. Wie lange planen Sie, daran zu arbeiten?

Ja, es ist eine Doktorarbeit. Ich glaube, das ist normal. Die Daten sind jetzt bereinigt. Zusätzlich unterrichte ich vier Veranstaltungen im Semester. Dadurch bin ich relativ eingespannt. Wir organisieren außerdem zwei Konferenzen in diesem Jahr und mit einem Kollegen aus Potsdam arbeite ich an einem Sammelband zum Thema Applied Cultural Linguistics. Ich war auch dank des DAADs drei Monate in London an der School of African and Oriental Studies und habe dort für meine Dissertation in den Archiven geforscht. Da verschiebt sich das Arbeiten an der Doktorarbeit auf das Wochenende und den Feierabend. Ich hoffe, ich bin irgendwann fertig.

War es Ihr Wunsch, auch zu lehren?

Nach meinem Master hatte ich schon ein oder zwei Lehraufträge. Auch in Kamerun habe ich unterrichtet. Ich finde das eigentlich sehr interessant. Manchmal kann ich die Tätigkeiten auch gut verbinden und greife zum Beispiel in einer Veranstaltung ein Thema aus unserem Sammelband auf. Das ist ganz spannend, auch mit den Studis darüber zu diskutieren.

Mit welchem Stipendium haben Sie Ihren Aufenthalt in Kamerun finanziert?

Ich habe ein Rotary Global Grants Stipendium bekommen und in diesem Kontext ein Schulprojekt durchgeführt. Da ging es um das Unterrichten von und in einer lokalen Sprache, dem Ewondo, in Grundschulen im urbanen Raum. Einige der Kinder sprechen Ewondo als Muttersprache, allerdings nicht alle. Es stellte sich die Frage, welche Auswirkungen indigener Sprachenunterricht hat.

Wie war es, ein ganzes Jahr in Kamerun zu leben?

Ich hatte Glück. Ich habe dort in einem Wohnkomplex gewohnt, der einem Kameruner gehört, der in Deutschland lebt. Seine Familie hat mich unter ihre Fittiche genommen. Dadurch war ich schon gut integriert und habe mich sicher gefühlt. Ich wohnte in einem rein kamerunischen Viertel. Klar gab es da auch kleine Probleme, zum Beispiel mit der Elektrizität. Manchmal saß ich abends mit der Stirnlampe auf dem Sofa, weil kein Strom da war. Mit dem Klima kam ich gut zurecht. Es ist etwas stickiger und in der Regenzeit regenreicher, aber mit etwa 25°C ist es eigentlich schön sommerlich warm. Man gewöhnt sich relativ schnell daran. Auch daran, im Mototaxi zu fahren oder um die Tomaten auf dem Markt zu feilschen. Das sind Strukturen, die man relativ schnell verinnerlicht. Irgendwann kennen einen die Leute auch. Es macht einen großen Unterschied, ob man nur mal vier Wochen vorbeischaut oder ob man ein Jahr lang zumindest versucht, sich zu integrieren.

Mussten Sie die ganze Zeit Französisch sprechen?

Ich war an der Uni in das Englischdepartment eingebettet. Meine Kollegen haben deshalb Englisch gesprochen. Die waren total klasse und haben mich überall mit hingenommen, unter Anderem Hochzeiten, Beerdigungen oder zum Palmwein trinken. Mit der Familie, bei der ich gewohnt habe, habe ich mich auch auf Englisch unterhalten. Aber klar, auf der Straße oder im Taxi musste ich Französisch reden.

Wie war es, ein Jahr lang so weit weg von der Heimat zu sein?

Das war nicht das erste Mal. Ich habe in Kanada ein Auslandssemester gemacht und war dann noch drei Monate in Südostasien unterwegs. Ich reise gerne und könnte jetzt auch schon wieder weg. Aber das Leben in Deutschland ist einfacher. Man stellt mal schnell die Waschmaschine oder die Spülmaschine an. Oder man schaut schnell etwas online nach. In Ländern wie Kamerun ist das mobile Internet wahnsinnig teuer. In der Uni hatten wir einen Zugang, aber über eine sehr langsame LAN-Verbindung. Das ist für Wissenschaftler dort sehr problematisch. Auch an Bücher und Informationen zu kommen, ist hier in Europa unkomplizierter.

Haben Sie das mehr zu schätzen gelernt?

Ja, schon. Aber das würde mich nicht daran hindern, wieder zurückzugehen. Ich finde, das ist kein Ausschlusskriterium. Viele Dinge funktionieren auch super. Das Leben ist einfach ein bisschen langsamer. Und das ist ja auch mal schön. Es war eine tolle und wichtige Zeit. Man lernt in einem anderen kulturellen Kontext viel Neues und auch wahnsinnig viel über sich selbst. Ich würde das nicht missen wollen.

Haben Sie vor, nochmal nach Kamerun zu gehen?

Ich würde total gerne, nur wann ist die Frage. Momentan bin ich in einer Arbeitsgruppe Afrika des European Language Council tätig. Die schauen sich an, wie die Integration von lokalen Sprachen die Lerneffizienz steigern kann. In dem Zusammenhang könnte ich vielleicht nochmal nach Kamerun gehen, aber im Moment ist es mit der Zeit schwierig.

Was würden Sie Studierenden raten, die promovieren wollen? Was sind die Voraussetzungen?

Ich glaube, man muss ganz viel Faszination und Neugier mitbringen und etwas finden, woran man sich für so lange Zeit festklammern kann. Alles andere ist einfach eine Disziplinsache, sich auch in harten Zeiten durchzubeißen, wenn alle anderen draußen ein Eis essen, man selbst noch an den Daten sitzt oder die Arbeit geschrieben werden muss. Ich glaube, es ist auch normal, dass es Frustrationsmomente gibt. Die Neugier und Freude sollten aber größer sein als die Frustration. Und man sollte es nicht für den Titel tun.

Das Interview führte Maria Preuß

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