Alumni-Porträts
Schreibe einen Kommentar

Auf den Spuren von… Dirk Hennig, Leiter der Zentralstelle Freiwilliges Ökologisches Jahr

Diplompädagoge Dirk Hennig ist Leiter der Zentralstelle Freiwilliges Ökologisches Jahr in Rheinland- Pfalz. Foto: Thorsten Wagner

Diplompädagoge Dirk Hennig ist Leiter der Zentralstelle Freiwilliges Ökologisches Jahr in Rheinland- Pfalz. Foto: Thorsten Wagner

Dirk Hennig, Förster und Diplompädagoge, setzt sich beruflich und ehrenamtlich für eine nachhaltige Entwicklung unserer Gesellschaft ein. Als Leiter der Zentralstelle Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) möchte er jungen Menschen zeigen, wie sie sich aktiv in die Gesellschaft einbringen können. Er ist außerdem ehrenamtlicher Vorsitzender des FÖJ-Dachverbandes und erhielt im November 2018 den Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz, insbesondere für sein Engagement in der ökologischen und politischen Bildung.

Sie engagieren sich beruflich und ehrenamtlich für das Freiwillige Ökologische Jahr. In welchen Positionen sind Sie tätig?

Ich leite die Zentralstelle Freiwilliges Ökologisches Jahr Rheinland-Pfalz. Ehrenamtlich kümmere ich mich um die Ehemaligen-Netzwerke und die bundesweiten Sprechersysteme des FÖJ, in denen die Teilnehmenden ihre Vertreter wählen. Außerdem bin ich noch Bundesvorsitzender des Fördervereins Ökologische Freiwilligendienste. Das ist der Dachverband der 52 Träger des Freiwilligen Ökologischen Jahres. In dieser Position agiere ich als politischer Sprecher gegenüber der Bundesregierung und den Abgeordneten, mit denen wir verhandeln, wie die Zukunft eines FÖJ in Deutschland aussehen soll.

Wie war Ihr bisheriger Werdegang?

Die Serie

Alumni-Porträts. Foto: Miguel Bruna/UnsplashWie soll es nach dem Abschluss weitergehen? Inspiration bieten Alumni der Universität Koblenz-Landau: In unseren Porträts erzählen sie von Karriere, Arbeitsalltag und Erinnerungen an die Studienzeit.

Ich habe ursprünglich in Rottenburg Forstwirtschaft studiert und meinen Schwerpunkt auf Bildungsarbeit gelegt. Damals gab es das erste Waldsterben und da ist mir klar geworden, dass man den Wald nicht im Wald rettet, sondern in den Köpfen der Menschen. Das hat mich dazu bewogen, berufsbegleitend Bildungswissenschaften an der Universität in Koblenz zu studieren. Das war für mich eine spannende Sache, weil ich damit meine Bildungsarbeit weiter ausbauen konnte. Ich bin während dieser Zeit auch zum Freiwilligen Ökologischen Jahr gekommen und konnte die Theorie aus dem Studium direkt mit der praktischen Arbeit verknüpfen.

Wie sind Sie an Ihre Positionen gekommen?

Aufgrund meines Fortwirtschaftsstudiums war ich nach meinem Abschluss erst mal Förster. Dann bin ich nach und nach in das FÖJ hineingewachsen und schließlich habe ich das irgendwann zu 100% gemacht. Mein Job als Leiter der Zentralstelle Freiwilliges Ökologisches Jahr ist bei der Forstverwaltung angesiedelt und damit beim Land Rheinland-Pfalz. Ich bin Beamter. Den FÖJ-Dachverband habe ich vor 22 Jahren zusammen mit anderen Beteiligten gegründet. Wie in jedem Verein wird der Vorsitzende demokratisch gewählt.

Was sind Ihre Aufgaben?

Ich habe verschiedene Tätigkeitsfelder. Erstens geht es darum, pädagogische Konzepte für die Teilnehmenden zu entwerfen. Der wichtigste Bereich ist die Seminargestaltung. Die FÖJler besuchen fünf einwöchige Seminare, für die ich Konzepte entwickelt habe. Zweitens ist eine pädagogische Begleitung an den Einsatzstellen erforderlich, wo die FÖJler ein Jahr verbringen. Außerdem kümmere ich mich um die freien Projekte, die die Teilnehmenden ausarbeiten. Diese Projekte werden begleitet, aber vor allem partizipativ mit den Teilnehmenden entwickelt. Die Durchführung der pädagogischen Konzepte haben ich inzwischen überwiegend an die pädagogischen Kräfte meines Teams abgegeben. Als Leiter kümmere ich mich um Fördermittel, um die Kontingentvergabe an die FÖJler, um das Qualitätsmanagement und, das ist besonders wichtig, um die Weiterentwicklung meiner pädagogischen Konzepte.

Meine Aufgabe im Ehrenamt besteht darin, die 52 FÖJ-Träger in Deutschland zu vernetzen. Es geht auch darum, die Ländervertreter, die für das FÖJ zuständig sind, zusammenzuführen. In dieser Vernetzungsarbeit trete ich gegenüber dem Bundesfamilienministerium auf und führe Verhandlungen mit den zuständigen Ausschüssen des Bundestages.

Was ist die größte Herausforderung in Ihrem Job?

Die größte Zielsetzung, die ich gerade sehe, ist, jungen Menschen etwas mitzugeben, das für ihre Zukunft wichtig ist. Wir brauchen starke Menschen, die eine starke Persönlichkeitsentwicklung hinter sich haben, die mündige Bürger sind in einer Demokratie, die gerade von vielen Seiten her bedroht wird. Wir brauchen Menschen, die die Welt kreativ gestalten können. Ich glaube, junge Menschen verstehen heute, dass die Generationen auf Augenhöhe miteinander sein müssen. Dass nicht der ältere Mensch der Erfahrenere ist und der Jüngere nichts zu sagen hat, sondern dass Augenhöhe gebraucht wird, um überhaupt Zukunft gestalten zu können. Deswegen ist meine große Aufgabe, dass ich die Bildung für nachhaltige Entwicklung als zentrales Element mit politischer Bildung und Persönlichkeitsentwicklung verknüpfe. Dies sind die drei Bereiche, in denen ich pädagogisch meine Herausforderung sehe. Dazu habe ich Vieles im Studium in Koblenz gelernt.

Haben Sie persönlichen Kontakt zu den FÖJlern?

Innerhalb von Rheinland-Pfalz kenne ich alle FÖJler persönlich. Das ist mir wichtig, denn es geht nur auf einer persönlichen Ebene. Ich besuche regelmäßig die Seminare. Die Pädagogik des FÖJ sollte eine sein, bei der man ein Miteinander erlebt, sich ernst genommen fühlt und erkennen kann, dass man gemeinsam etwas bewegen kann.

Sie sprachen von fünf Seminaren, die die FÖJler im Rahmen ihres Freiwilligendienstes besuchen. Welche Seminarthemen gibt es?

Im ersten Seminar geht es um das Thema “Natur und Mensch”. Hier können die Teilnehmenden ihr Verhältnis zur Natur hinterfragen. Am Ende des Seminars wissen sie, was sie konkret tun können, um Natur zu schützen. Dann folgt ein Seminar zum Verbraucherschutz. Hier geht es darum, zu verstehen, wo Lebensmittel herkommen und was in Lebensmitteln drin ist. So werden FÖJ-Teilnehmende zu mündigen Kunden im Supermarkt. Im nächsten Seminar wird hinterfragt, woher unsere Energie kommt und welche Auswirkungen das für unser Klima hat. Das vierte ist mein Lieblingsseminar und geht der Frage nach, wie und wo ich mich als junger Mensch konkret gesellschaftlich engagieren kann. Den Abschluss bildet ein eher erlebnispädagogisches Seminar. Wir verbringen es auf unserem großen FÖJ-Segelschiff auf der Ostsee. Vor vielen Jahren haben wir dieses Bildungsschiff mit einem Seminarraum, einem Umweltlabor, Küche und Übernachtungsmöglichkeiten gemeinsam mit ehemaligen FÖJlern aufgebaut.

Warum haben Sie sich für ein Studium an der Universität Koblenz-Landau entschieden?

Es war schon eine sehr bewusste Entscheidung, nach Koblenz zu gehen und mich für Diplompädagogik mit dem Schwerpunkt Erwachsenenbildung einzuschreiben. Natürlich musste ich etwas finden, was für meinen Arbeitsalltag passend war und parallel zu meiner Arbeit machbar. Die Möglichkeiten, Psychologie dazu zunehmen, einen Schwerpunkt auf Kommunikationspsychologie zu legen und Themen der Persönlichkeitsentwicklung einfließen zu lassen, waren mir wichtig. Genauso wie der Bereich Soziologie, in dem ich später mit einer empirischen Anwendung der Systemtheorie Niclas Luhmanns meine Diplomarbeit geschrieben habe.

Welche Rolle spielt Ihr Studium für Ihre heutige Arbeit?

Zum einen lernt man an der Uni in Koblenz, pädagogische Konzepte zu schreiben und klare Lernzielvereinbarungen zu formulieren. Das sollte meiner Meinung nach jeder Pädagoge können. Zum anderen fand ich den Schwerpunkt Qualitätsmanagement in der Erwachsenenbildung sehr wichtig. Den brauche ich täglich. Auch Methoden zur Gestaltung von kreativen und partizipativen Bildungsprozessen in Gruppen und Methoden für die Leitung von Teams habe ich an der Uni gelernt.

Gab es noch andere Erfahrungen, die Sie inspiriert haben?

Es gibt eine kleine Geschichte, die mich sehr bewegt hat. Als Förster habe ich in einer meiner ersten Führungen mit einer Grundschulklasse das Thema Bäume behandelt. Zu Beginn stand die Eiche auf dem Lehrplan. Dann sollte es beim Buchenbestand weitergehen. Da lief uns zufällig eine Kröte über den Weg, die alle Aufmerksamkeit der Kinder auf sich zog. Die Buchen waren damit erledigt und mir blieb gar nichts anderes übrig, als die vielen Fragen über Kröten zu beantworten. Ich habe im Nachhinein noch viel über diese Begebenheit nachgedacht. In der Schule bekommen wir viel zu viele Antworten auf nie gestellte Fragen. Damit Lernen funktioniert, müssen echte Fragen auftauchen. Im FÖJ gibt es keinen Lehrplan. Es wird individuell mit den Menschen, die daran teilnehmen, vereinbart, was man lernen möchte. Die FÖJler kommen freiwillig mit einer inhaltlichen Grundmotivation, weil sie etwas bewegen wollen. Das hat man im schulischen Kontext oft nicht. Es macht eben einen Unterschied, ob es sich um ein Pflichtjahr oder um ein freiwilliges Jahr handelt.

Hat Sie die Verleihung des Landesverdienstordens im Jahr 2018 überrascht?

Ja, damit habe ich nicht gerechnet. Ich habe mich nie so richtig um solche Dinge gekümmert. Es ist mir unangenehm, wenn ich als Mensch in dieser Art irgendwo im Mittelpunkt stehe. Die Auszeichnung war eine sehr ungewohnte Situation. Ich habe mich gefreut und bin dankbar, dass ich durch diese Auszeichnung besser als vorher die Idee einer partizipativen Bildung für eine nachhaltige Entwicklung in die Öffentlichkeit kommunizieren kann. Mir ist aber wichtig: Der Verdienstorden ist kein Verdienst eines Einzelnen. Hinter dem FÖJ stehen viele Menschen, die an seinem Aufbau mitgewirkt haben und seine Durchführung ermöglichen.

Was ist der beste Rat, den Sie je bekommen haben?

Das ist eine schwierige Frage. Ich habe häufig Pionierarbeit geleistet. Als ich aus dem Forststudium kam, gab es diesen Ansatz von Waldpädagogik und den Ausdruck “Bildung für nachhaltige Entwicklung” noch nicht. An sich habe ich immer irgendwo mit Menschen etwas Neues entwickelt. Aber meine grundlegende Weltanschauung ist durch meine Familie, durch meine Schule und letztendlich durch mein Studium in Koblenz geprägt worden. Das Menschenbild spielt eine zentrale Rolle für mein Handeln. Ein Mensch ist zunächst ein Mensch und erst danach ein Zugehöriger zu einer Gruppe. Es ist wichtig, nicht in Schubladen zu denken, sondern auf Augenhöhe zu sein. Ich glaube, das prägt bis heute meine gesamte Arbeit. Es gibt also keinen konkreten Rat, den ich irgendwo bekommen habe, es war die Prägung eines Welt- und Menschenbildes.

Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie an Ihre Studienzeit in Koblenz zurückdenken?

Mir fällt zunächst ein, dass Dr. Nicole Hoffmann damals neue Methoden in den Seminaren einführte. Frau Hoffmann ist heute Professorin im Institut für Pädagogik. Ich erinnere mich, wie sie zu uns Studierenden sagte: “Sie müssen jetzt das Seminar selbst gestalten.” Da gab es ein partizipatives Element. Zunächst war ich etwas verdutzt, doch sie hat damit kreative Prozesse mit neuen Methoden initiiert. Das war ein Schlüsselerlebnis, das mich tief geprägt hat.

Halten Sie noch Kontakt zur Uni?

Ja, ich bin regelmäßig an der Universität. Ich habe zum Teil Lehraufträge und halte Vorträge im Bereich Bildungswissenschaften. Regelmäßig bin ich noch mit Dozierenden zum Austausch zwischen Theorie und Praxis im Gespräch.

Das Interview führte Sarah-Maria Scheid. Es ist in freundlicher Kooperation mit dem Alumni-Referat der Universität Koblenz-Landau entstanden.

 

0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.