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Perspektivwechsel, gutes Essen und Konfuzius

Im Zuge eines Auslandssemesters verbrachten die Kunststudentinnen Anne Krächan und Juliana Steca ein Semester in Fuzhou an der Ostküste Chinas. Fotos: Anne Krächan

Im Zuge eines Auslandssemesters verbrachten die Kunststudentinnen Anne Krächan und Juliana Steca ein Semester in Fuzhou an der Ostküste Chinas. Fotos: Anne Krächan

Konfuzius ist in China ziemlich präsent. Diese Erfahrung haben Anne Krächan und Juliana Steca gemacht, als sie ein Semester ihres Studiums in Fuzhou studierten. Die Universität befindet sich in der Provinz Fujian, gut 9000 Kilometer Luftlinie von Landau entfernt. Anne Krächan erzählt von kalten Winternächten, Kakerlaken, Vorurteilen, Hilfsbereitschaft und einer Silvesternacht, die noch vor Mitternacht enden musste.

Und tschüss… !

Sie möchten während Ihres Studiums gern ins Ausland gehen? Dann informieren Sie sich über die Möglichkeiten an unserer Universität und lassen Sie sich von Erfahrungsberichten unserer Studierenden inspirieren.

Ich war erst im zweiten Semester meines Lehramtsstudiums in Landau, als meine Freundin Juliana und ich entschieden haben, zusammen ein Semester im Ausland zu studieren. Relativ schnell hatten wir die Idee, nach China zu gehen. Nach einem Dreivierteljahr intensiver Vorbereitung startete unser Abenteuer ins Reich der Mitte. Wir waren erst die zweite Gruppe Kunststudierende des Campus Landau, die ein Auslandssemester in Fuzhou verbrachten. Daher gestaltete sich die Planung teilweise etwas schwierig. Auf einige Dokumente haben wir sehr lange gewartet. Und um ein Visum zu bekommen, muss man von der Universität persönlich eingeladen werden. Das war allerdings kein Problem, denn Studierende aus dem Ausland steigern die Reputation von Universitäten in China enorm. Daher haben sich die Verantwortlichen dort sehr über unsere Anfragen gefreut.

Kleinstadt mit 7 Millionen Einwohnern

Die Provinz Fujian liegt an Chinas Ostküste, gegenüber von Taiwan. Die Stadt Fuzhou, in der sich die Universität befindet, ist für chinesische Verhältnisse eine Kleinstadt – auch wenn dort sieben Millionen Menschen leben. Davon bekamen wir auf dem Campus der Universität allerdings nur wenig mit. Der Campus liegt etwas außerhalb der Stadt und ist dadurch entspannter als Fuzhou selbst. Wir hatten ein eigenes Appartement mit Bad, Küche und Wohnzimmer. Unsere chinesischen Kommilitonen dagegen übernachteten in Wohnheimen mit Mehrbettzimmern.

Dem chinesischen Staat liegt viel an der Sicherheit der ausländischen Studierenden. Daher mussten wir in einer Unterkunft auf dem Campus wohnen. Im Vergleich zu unseren Wohnungen in Deutschland war sie sehr spärlich ausgestattet, was uns zuerst etwas schockierte. Die Küche war aufgrund des fehlenden Abflusses kaum benutzbar. Alles war verschimmelt und Kakerlaken liefen herum. Außerdem herrscht in der Region subtropisches Klima, im Sommer ist es also heiß und im Winter sehr kalt. Komischerweise gab es überall Klimaanlagen, aber keine Heizungen. Im Winter haben wir mit dicken Jacken geschlafen. Doch irgendwie konnten wir uns an alles gewöhnen. Und auch die Kakerlaken konnten wir mithilfe von Folie und Klebeband von der Wohnung fern halten.

Wandern in Lijan: Anne Krächan und Juliana Steca erkundeten China in jeder freien Minute.

Wandern in Lijan: Anne Krächan und Juliana Steca erkundeten China in jeder freien Minute.

Gute Betreuung mit Sprachproblemen

Insgesamt verbrachten wir ein knappes halbes Jahr in China. Dreieinhalb Monate entfielen aufs Studium und ein Monat auf das Reisen. An der Universität wurden uns Master-Seminare zugeteilt, da in diesen eine intensivere Betreuung möglich ist als in den Bachelor-Kursen. Auf eine Lehrkraft kamen etwa fünf bis sechs Studierende. Wir hatten unsere eigenen Atelierplätze, an denen wir arbeiten konnten. Die Dozenten kamen regelmäßig bei uns vorbei und gaben Tipps. Da viele kein Englisch sprachen, verlief die Kommunikation häufig mit Händen und Füßen – oder mithilfe der Übersetzung von anderen Studierenden.

Doch auch unsere Kommilitonen trauten sich oft nicht, Englisch zu sprechen, vermutlich, da sie das Englische selten benötigen und sprachlich unsicher sind. Nicht nur durch die Sprachbarriere hatten wir wenig Anschluss und fühlten uns häufig ausgegrenzt. Besonders meine Freundin Juliana, die blond ist und sehr helle Haut hat, wurde oft angestarrt, aber auch ein bisschen wie ein Star behandelt. Einmal liefen wir eine Treppe hinunter und einige junge Studierende kamen uns entgegen. Die Gruppe blieb in einigem Abstand stehen und schaute uns ehrfürchtig an. Trotz allem hatten wir nach einer Weile guten Kontakt zu einigen Studierenden. Mit den Kommilitonen aus den Seminaren teilten wir ähnliche Interessen und so entstanden Freundschaften. Die waren dann wirklich sehr nett zu uns und außerordentlich hilfsbereit.

Bei ihren Reisen im Reich der Mitte entdeckten die Kunststudentinnen immer wieder zauberhafte Orte.

Bei ihren Reisen im Reich der Mitte entdeckten die Kunststudentinnen immer wieder zauberhafte Orte.

Nachthimmel voller Lampions

Mit unserem kleinen Freundeskreis verbrachten wir Heiligabend bei einem gemütlichen Weihnachtsessen. Silvester war jedoch eine befremdliche Erfahrung: Nach dem Abendessen, um 23 Uhr, sind wir alle ins Bett gegangen, denn die Wohnheime schließen um diese Uhrzeit und unsere Freunde wären sonst nicht mehr nach Hause gekommen. Woanders zu übernachten wird in China nicht gerne gesehen. Es war trotzdem eine schöne Erfahrung, zum Jahreswechsel dort zu sein. Es gab zwar keine Raketen oder Böller, aber alle schickten einen Lampion mit einem Wunsch in den Himmel. So war der Himmel am Ende bedeckt von leuchtenden bunten Lampions. Es war ein wunderschöner Anblick.

Vier Wochen Linien zeichnen

Dass wir nicht so viel Anschluss hatten, war für meine Kunst ziemlich gut: So intensiv wie in dieser Zeit habe ich mich noch nie damit auseinandergesetzt. Ich beschäftigte mich zunächst mit Brushwork, das sind Tuschezeichnungen. Ich lernte, Zeichnungen namens Flower and Birds anzufertigen. Dabei waren Ausdruck und Gefühl in den Bildern wichtig. Um zu lernen, mit einer Linie ein Gefühl auszudrücken, zeichnete ich in den ersten vier Wochen ausschließlich Linien. Die Dozenten sagten mir, ich hätte große Fortschritte gemacht. Dann habe ich mit meinen Lackarbeiten angefangen. Diese Technik und die passenden Farben nahm ich mit nach Deutschland. Sie waren sehr teuer, auch wegen des anfallenden Zolls. Doch es hat sich gelohnt: Ich verwende die Farben schon seit drei Jahren und sie sind noch immer nicht leer.

Wenn ich noch einmal nach Fuzhou reisen würde, wäre der Hauptgrund das unfassbar leckere Essen. Es ist sogar so gut, dass ich in diesem halben Jahr 10 Kilogramm zugenommen habe. Meine Freundin ist Vegetarierin, deshalb habe ich oft vorgekostet. Manchmal lag ich mit meinem Geschmack so daneben, dass Mitstudierende während des Essens fragten: „Sag mal, bist du nicht Vegetarierin?“ Doch das war eher die Ausnahme. Das Essen ist nicht nur sehr lecker, sondern auch unfassbar günstig. Das teuerste Essen, das man in der Mensa bekommt, kostet umgerechnet etwa einen Euro. Aufgebaut war die Essensausgabe auch anders als in der Mensa in Landau: Anstelle einer Auswahl aus drei Gerichten gab es dort eine Art Buffet, aus dem man sein Menü selbst zusammenstellen konnte. Zu Hause versuche ich häufig, die Gerichte nach zu kochen. Doch irgendwie schmeckt es nie so gut wie in der Mensa von Fuzhou.

Anne Krächan genießt die Aussicht auf die tiefste Schlucht der Welt. Sie ist Teil des UNESCO Weltkulturerbe.

Ein traditionell geschmückter chinesischer Tempel in der Provinz Yunnan.

Himalaya, Beijing, Shanghai und zurück nach Fuzhou

Wenn wir nicht gerade in der Universität waren oder an unserer Kunst gearbeitet haben, nutzten wir die Zeit, um China zu bereisen. Die Stadt Fuzhou haben wir natürlich auch öfter besucht. Der kulturelle Unterschied zum ruhigen Leben auf dem Campus ist sehr groß. Es laufen viel mehr Menschen herum und man bekommt einen Eindruck von der Ellenbogen-Gesellschaft, die China nachgesagt wird. Glücklicherweise durften wir auch an vielen Exkursionen teilnehmen, bei denen wir viel über verschiedene chinesische Kunstformen gelernt haben.

Außerdem sind wir in Richtung Himalaya gereist und auf dessen Ausläufern herumgewandert. Wir waren in Beijing, haben die Chinesische Mauer bewundert, besuchten das Landesinnere und sahen die ehemalige Hauptstadt. Einmal bekamen wir Besuch von zwei Landauer Kommilitonen. Gemeinsam besuchten wir Shanghai – mit über 20 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Chinas. Besonders gefallen haben den Kommilitonen aber die chinesischen Kunstformen, die wir ihnen gezeigt haben.

Fremde Sprache, fremde Kultur, fremde Politik

Natürlich habe ich auch versucht, ein bisschen Chinesisch zu lernen. Doch leider wurde kein passender Kurs angeboten. Am Ende konnte ich rudimentär zählen und Hallo und Tschüss sagen. Durch das Betonungssystem ist Chinesisch sehr schwer zu lernen. Es gibt viele verschiedene Laute, die aber gleich geschrieben werden. Das Wort für Guten Morgen kann je nach Betonung auch Scheiße heißen. Also blieb ich lieber bei Good Morning oder einem höflichen Nicken.

Häufig musste ich an das Klischee denken, dass Chinesen immer irgendetwas Schlaues von Konfuzius parat haben. Und wirklich: Sobald etwas passierte, kamen unsere Freunde mit einer Weisheit um die Ecke. Waren wir erkältet, klärten sie uns auf, welche Kräuter am besten helfen. Auch die chinesisch Politik lernten wir kennen. An jeder Universität gibt es einen Beauftragten der Regierung, der überprüft, was gelehrt wird. Eine der Studierenden, die nach uns dort waren, wollte für ihre Abschlussausstellung eine Performance vorführen, in welcher Geld und Blut eine Hauptrolle spielen. Das wurde ihr von der Hochschule verboten.

Anne Krächan genießt die Aussicht auf die tiefste Schlucht der Welt. Sie ist Teil des UNESCO Weltkulturerbe.

Anne Krächan genießt die Aussicht auf die tiefste Schlucht der Welt. Diese ist Teil des UNESCO Weltkulturerbes.

Künstlerischer Perspektivwechsel

Gerade Kunststudierenden würde ich ein Auslandssemester in China ans Herz legen. Man lernt eine ganz andere künstlerische Herangehensweise kennen. Geht man an eine andere europäische Universität, lernt man Kunst aus einer ähnlichen Perspektive wie in Deutschland. Ich habe mich ein bisschen erleuchtet gefühlt. Die Zeit in China hat mich während meines Studiums am stärksten geprägt: künstlerisch, aber auch persönlich.

Wenn der Entschluss für ein Auslandssemester einmal gefasst ist, sollte man sich verschiedene Fragen stellen: Wie weit möchte ich weg? Ganz abgenabelt oder nah an der Heimat? Warum möchte ich ein Auslandssemester machen? Möchte ich mich persönlich weiterentwickeln oder fremde Kultur und Sprachen kennenlernen? Gehe ich lieber allein oder zu Zweit ins Ausland? In Fuzhou war ich dankbar, nicht allein zu sein. Vielleicht hätte ich mich dann mehr angestrengt, mich noch mehr zu integrieren. Doch durch die Sprachbarriere und die doch sehr unterschiedliche Kultur fühlten wir uns beide häufig einsam. Dann waren wir froh, uns gegenseitig zu haben.

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