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An der Atlantikküste den Horizont erweitern

Nadja Riegger verbrachte ein Auslandssemester im Süden Spaniens. Dort bereiste sie verschiedene andalusische Städte wie Málaga. Fotos: Nadja Riegger

Nadja Riegger verbrachte ein Auslandssemester im Süden Spaniens. Dort bereiste sie verschiedene andalusische Städte wie Málaga. Fotos: Nadja Riegger

Nadja Riegger war schon vor ihrem Studium der Kulturwissenschaft klar, dass sie ein Auslandssemester machen möchte. Nach einem Aufenthalt in Südamerika wollte sie eine weitere Chance nutzen, den eigenen Horizont zu erweitern. Die Wahl  fiel auf Cádiz, eine andalusische Stadt an der spanischen Atlantikküste.

Und tschüss… !

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Nach dem Abitur habe ich in Lima einen Freiwilligendienst als Lehrassistentin an einer Schule für geistig behinderte Kinder und Erwachsene absolviert. Ich tauche gerne in andere Kulturen ab, indem ich vor Ort lebe und der Aufenthalt in Peru war eine rundum wertvolle Erfahrung für mich. Ich nahm mir darum vor, bald erneut für einen längeren Zeitraum ins Ausland zu gehen. In Lima habe ich Spanisch gelernt, es seither aber nicht mehr benutzt. Ein Auslandssemester in Spanien bot die Gelegenheit, den Gebrauch wieder aufzufrischen. Außerdem war ich neugierig auf das universitäre Leben in Spanien. Ich fragte mich,  ob es dort eine andere Perspektive auf mein Studienfach gibt und wie die Studieninhalte aussehen. Das erschien mir gerade aus kulturwissenschaftlicher Sicht vor dem Hintergrund kultureller Unterschiede interessant. So verschlug es mich an die Universidad de Cádiz im Süden Spaniens.

Mehr als nur Spanisch

Die Vorbereitung auf mein Eramussemester verlief ohne Probleme. Dank eines breiten Wohnungsangebotes für internationale Studierende hatte ich schnell ein Zimmer in einer WG mit einer deutschen und einer italienischen Studentin. Ich reiste bereits Anfang September an, drei Wochen vor Veranstaltungsbeginn, um einen Intensivsprachkurs zu besuchen und mich wieder in die Sprache einzufinden. Der Kurs bestand hauptsächlich aus frisch angereisten internationalen Studierenden, sodass ich direkt erste Kontakte knüpfen konnte. Auch nach Veranstaltungsbeginn beschränkten sich meine Kontakte fast ausschließlich auf Erasmus-Studierende. Das lag unter anderem an der Zusammensetzung der Kurse, in denen nur wenige Spanier waren.

Neben dem Sprachkurs besuchte ich spanischsprachige Veranstaltungen. Nachdem ich zuvor schon Kurse ausgewählt hatte, konnte ich mich während der ersten vier Semesterwochen noch einmal vor Ort umentscheiden, zumal vorher die Kurszeiten noch nicht festgelegt gewesen waren. Ich musste ausprobieren, wie gut ich in den Veranstaltungen zurechtkomme und darauf achten, dass sich nichts überschneidet. Ausgerechnet bei einem für mich interessantesten Kurs mit einem politischen Schwerpunkt habe ich den Dozenten leider kaum verstanden. Da ich befürchtete, die Prüfung nicht zu bestehen, habe ich mich für einen anderen entschieden. Zwar habe ich letztlich attraktive Kurse für mich gefunden, ich erhielt aber nicht den erhofften Einblick in die spanische Kultur und Forschungsperspektive, da diese Veranstaltungen andere Themen behandelten. Immerhin kamen im Sprachkurs dank verschiedener Diskussionsthemen  unterschiedliche Perspektiven und Praktiken zur Sprache. Dabei konnten Studierende aus verschiedenen Ländern ihre kulturellen Eigenheiten mit einbringen. So habe ich nicht nur von Turrón gehört, einer Süßigkeit aus hartem Nougat, Nüssen, Honig und Eiklar, die man in Cádiz zu Weihnachten isst. Jetzt weiß ich auch, dass es in Irland um diese Jahreszeit typischerweise Chips auf Weißbrot gibt. Die meisten Lehrangebote waren wie Vorlesungen aufgebaut, weshalb ich meine interaktiveren Seminare aus Koblenz mit der Zeit vermisst habe. Dafür habe ich einiges über die spanische Geografie sowie über das Altertum gelernt. Nachdem ich kleinere Verständnishürden überwunden hatte und zum Beispiel begriff, dass mit “Alejandro” Alexander der Große gemeint war, kam ich sprachlich gut zurecht. Ich war in Veranstaltungen von sechs bis etwa 40 Personen mit überwiegend internationalen Studierenden, die freundlich aufgenommen wurden. Ein Dozent machte sich einen Spaß daraus, Studierende verschiedener Nationalitäten dazu aufzufordern, Wörter aus seinen Präsentationen in ihre Sprachen zu übersetzen. Anschließend versuchte er, sie selbst zu wiederholen, was ihm meist missglückte und für viel Erheiterung sorgte. 

Im Rhythmus der Gaditanos

Da sich die Standorte der Universität in Cádiz auf die ganze Stadt verteilen und man weniger Menschen als in Koblenz begegnet, kam mir das Umfeld ruhiger vor. Statt einer großen Mensa gab es eine kleine Cafeteria, die eher für Snacks als große Mahlzeiten geeignet war. Außerdem mochte ich meine Bewegungsfreiheit dort. Ich konnte zu Fuß zur Philosophischen Fakultät gehen und danach den Tag am Strand ausklingen lassen. Das Studieren während des Semesters war nicht so aufwändig wie in Deutschland, da ich wenig unter der Woche machen musste. Dadurch hatte ich genug Freizeit, um die Gegend zu erkunden. Cádiz ist eine überschaubare Stadt auf einer Landzunge mit etwa gleich vielen Einwohnern wie Koblenz, die Gaditanos genannt werden. An ihrer Spitze, die in den Atlantik ragt, befindet sich die Altstadt. Alles ist hier etwa in 20 Minuten zu Fuß erreichbar. Für mich hat sich das meiste dort abgespielt. Ich konnte zu jeder  Tageszeit ohne Umstände und gefahrlos unterwegs sein und überall auf bekannte Gesichter stoßen.

Die Altstadt von Cádiz bietet eine gute Sicht auf eindrucksvolle Sonnenuntergänge über dem Atlantik.

Die Altstadt von Cádiz bietet eine gute Sicht auf eindrucksvolle Sonnenuntergänge über dem Atlantik.

Dank Whatsapp-Gruppen und einer Begrüßungswoche des Erasmus Student Networks (ESN), habe ich schnell Anschluss gefunden und die beliebtesten Clubs und Bars kennengelernt. Das ESN organisierte auch kostenlose Tanzstunden für Salsa und Bachata. Ein bekannter Club veranstaltete zweimal die Woche Tanzabende mit passender Musik, wo wir das Erlernte erproben konnte. Ich war von den Fortgeschrittenen etwas eingeschüchtert, wurde aber auch als Anfängerin zum Tanzen aufgefordert. Ansonsten waren Surfen und Tapas essen beliebte Freizeitbeschäftigungen.

Auf den Spuren der Entdecker

Andalusien hat sehenswerte Orte und Landschaften zu bieten. An den Wochenenden bot das ESN Ausflüge in nahe gelegene Städte an. Anfangs habe ich häufig daran teilgenommen, da sie preiswert waren. Mit der Zeit bin ich allerdings bevorzugt auf eigene Faust mit Freunden gereist, um unabhängig zu sein. Dabei mussten wir auf Mitfahrgelegenheiten, Leihwägen und die spärlichen öffentlichen Verkehrsmittel zurückgreifen. Wir haben Städte wie Sevilla und Málaga besucht oder sind in dem Gebirge Sierra de Grazalema wandern gegangen.  Für einen kurzen Trip nach Marokko habe ich mich dann doch nochmal für einen organisierten Gruppenausflug entschieden. So war die Fortbewegung leichter und ich habe mich besser aufgehoben gefühlt.

In ihrer freien Zeit erkundete Nadja mit ihren Kommilitonen spektakuläre Landschaften, wie um das Städtchen Ronda.

In ihrer freien Zeit erkundete Nadja mit ihren Kommilitonen spektakuläre Landschaften, wie um das Städtchen Ronda.

In Cádiz ließ sich zwar wenig Grün blicken, aber dafür wurde ich nie müde, am Strand zu spazieren oder die zahlreichen, farbenprächtigen Sonnenuntergänge über dem Meer zu bewundern. Ich habe gerne beobachtet, wie sich der Horizont je nach Wetterlage verändert hat. Mal war es eine klare Linie, mal ging das Meer fast nahtlos in die Wolkendecke über. Ich verspürte Respekt vor der Größe des Ozeans in dem Wissen, dass ich über tausende Kilometer in Richtung Amerika blickte. Meine Reisen in Andalusien ließen mich an die historischen  Seefahrten von Kolumbus, Vespucci und Magellan denken, die dort ihren Anfang nahmen.

Andalusien ist von geschichtsträchtigen Orten wie dem Königspalast Alcázar in Sevilla durchzogen.

Andalusien ist von geschichtsträchtigen Orten wie dem Königspalast Alcázar in Sevilla durchzogen.

 

Auf den zweiten Blick

Für mich war das Auslandssemester vor allem eines: anders als angenommen. Ich hatte hohe Erwartungen an das Semester und musste anfangs mit Ernüchterung umgehen. Da ich noch an Prüfungsleistungen aus dem Semester in Koblenz arbeitete, blieb ich mit dem Kopf zum Teil in Deutschland. Ich musste viel Zeit drinnen verbringen, während andere internationale Studierende zusammen am Strand waren. Dadurch hatte ich das Gefühl, außen vor zu bleiben und es fiel mir unmittelbar nach meiner Ankunft schwer, mich einzuleben. Außerdem hatte ich eine klare Vorstellung von meiner Kursbelegung und war enttäuscht, als diese nicht funktioniert hat. Nach einer Eingewöhnungszeit ging es für mich jedoch deutlich bergauf und ich konnte die Zeit genießen. Ich habe Gefallen an den Studieninhalten gefunden und konnte mich auf meine Umgebung einlassen. Diese Entwicklung – von Enttäuschung zu einem Gefühl des Angekommenseins – war eigentlich eine große Bereicherung. Ich bin an neuen Herausforderungen gewachsen und habe mich in meiner Selbstständigkeit weiterentwickelt. Außerdem hat der Abstand zu meinem Leben in Deutschland mich vieles in neuem Licht sehen lassen. Ich habe alltägliche Dinge zu Hause mehr zu schätzen gelernt. Gleichzeitig habe ich Vorzüge an der spanischen Lebensweise entdeckt. Ich mochte dort besonders das muntere Nachtleben auf der Straße. Weil sich viele Menschen draußen aufhalten, herrscht in Cádiz stets eine gesellige Atmosphäre. Das Leben dort ist zudem spontaner und weniger durchgeplant. Die Menschen sind sehr offen und interessiert, sodass man schnell mit Fremden ins Gespräch kommt. Allerdings waren für mich die Pausen in den Öffnungszeiten von Geschäften während der Siesta ungewohnt; ebenso, dass man im Internet nicht unbedingt zuverlässige Informationen über öffentliche Gebäude oder Verkehrsmittel erhält.

Der Kontrast zwischen der deutschen und spanischen Kultur hat mich einiges gelehrt. Ich konnte meinen Horizont erweitern – auch im wahrsten Sinne des Wortes, indem ich auf dieser Hälfte der Erdkugel weiter in den Süden vorgedrungen bin als je zuvor. Als Studentin der Kulturwissenschaft war es zudem spannend für mich, mehr über die spanische Geschichte zu lernen, von der ich bisher wenig wusste. Zum Beispiel war mir neu, dass die Franco-Diktatur erst 1975 durch dessen natürlichen Tod beendet wurde. Und ich habe mich mehr mit der Katalonien-Krise beschäftigt. Meine Hoffnungen auf einen Perspektivwechsel haben sich erfüllt,  sowohl für mich persönlich als auch im Hinblick auf mein Studium.

Nadja Riegger

 

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