Kolumne
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Alltag auf Abstand

Spazierengehen ist in Corona-Zeiten auf der Liste der Freizeitbeschäftigungen ganz weit oben - auch für Uniblog-Reporterin Sarah-Maria Scheid. Foto: Diana Scheiermann

Spazierengehen ist in Corona-Zeiten auf der Liste der Freizeitbeschäftigungen ganz weit oben - auch für Uniblog-Reporterin Sarah-Maria Scheid. Foto: Diana Scheiermann

In der Kolumne schreiben unsere Campus-Reporter, allesamt Studierende in Koblenz und Landau, unplugged aus ihrem Alltag. Der ist ist zur Zeit aber kein gewöhnlicher. In der heutigen Kolumne schildert Sarah-Maria Scheid, wie sie die Zeit zu Beginn der Kontaktsperren erlebt hat.

Zufluchtsort Reiterhof

In der Kolumne schreiben unsere Campus-Reporter, allesamt Studierende in Koblenz und Landau, unplugged aus ihrem Alltag.

“Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde”, sagt man. Doch das Glück der Erde hängt zurzeit schief. Die Auswirkungen der Corona-Krise machen sich auf dem Reiterhof bemerkbar. Glücklicherweise darf ich mich noch um die Tiere kümmern, da deren Grundversorgung weiterhin gesichert werden soll. Also raus aus dem Auto und rein in den Reitstall. Die beiden Haflinger, die ich als Reitbeteiligung versorge, schauen erwartungsvoll in meine Richtung. Doch der Stall ist menschenleer. Sonst treffe ich hier immer auf Bekannte und Freunde, wie Jutta, deren Pferd ich gelegentlich reite. Wenn wir uns sehen, umarmen wir uns – normalerweise. Ich vermisse unsere gemeinsamen Abende auf dem Hof. Am schwarzen Brett sticht mir ein gelber Zettel ins Auge. Noch mehr Sicherheitsmaßnahmen: Diese Woche gibt es Anwesenheitszeiten. Zum Glück gelten die verschärften Regeln nur für eine Woche, während Handwerker die kaputte Dachrinne reparieren. Nun begrüße ich endlich meine Pferde und streichele ihnen zärtlich über den Kopf. Beim Futtermachen fällt mir ein, dass man sowohl den Raum mit den Spinden als auch die Sattelkammer nur noch einzeln betreten darf. Ich sehe vorsichtig nach. Offensichtlich ist niemand dort.

Hufgeklapper, freudiges Wiehern und ein kleiner Bocksprung – neben der Weide im Gras zu sitzen und die Pferde zu beobachten, das ist Entspannung pur. Nachdem sie sich an der Longe und unterm Sattel bewegt haben, dürfen die Tiere noch ein Stündchen nach draußen. Als ich später den Stall verlasse, höre ich ein Auto auf den Parkplatz auffahren. Es ist Jutta. Sie begrüßt mich freudig, hält aber mehrere Meter Abstand. Nicht alle Reiterhofbesucher nehmen es so genau. Wenige Tage später gerate ich in ein Gespräch mit einer Frau, die keine Scheu hat, mir auf die Pelle zu rücken. Als ich schüchtern zurückweiche, kommt sie mir umso näher, bis wir uns fast berühren. Sie ist Mitte 50, scheint sich aber nicht als Teil einer Risikogruppe zu betrachten. Oder ist es ihr egal? Normalerweise muss jeder selbst wissen, wie leichtsinnig er mit seiner Gesundheit umgeht. Aber bei einer Pandemie ist das anders. Solche Begegnungen lösen in mir die Angst aus, ich könnte meine Eltern unbewusst anstecken. Weshalb ich mich vorwiegend allein draußen aufhalte.

Abenteuer Wocheneinkauf

Als ich den Supermarkt betrete, fällt mir auf: Es ist still geworden. Eltern mit Kindern sind kaum noch in den Geschäften unterwegs. Wohl gerade darum springt mir ein kleines Mädchen ins Auge. “Oma, darf ich das haben?” ruft sie und läuft aufgregt zu einer älteren Dame, die gerade ihren Einkaufswagen füllt. Heißt es nicht allseits, dass Enkel ihre Großeltern über Monate hinweg nicht mehr sehen sollen? Vielleicht leben diese beiden in einem gemeinsamen Haushalt. Allerdings sehe ich generell noch viele ältere Menschen im Supermarkt. Es gibt im Moment noch keine Pflicht zum Mundschutz und nur ein Bruchteil der Senioren trägt ihn. Wenigstens halten sich die meisten an die Abstandsregeln, wenn auch gezwungenermaßen durch einen Einkaufswagen vor dem Körper. Leider haben die wenigsten Geschäfte gesonderte Öffnungszeiten für Risikogruppen. Allerdings gibt es diverse Portale, auf denen junge Menschen ihre Hilfe anbieten. Auch in meinem Wohnort gibt es einen Einkaufsservice. Doch wie ich von Mitarbeitern höre, nutzen diesen Service bisher nur wenige. Es gebe viele Helfer, aber wenig Hilfesuchende. Vielleicht realisieren Senioren das Ansteckungsrisiko nicht oder wollen sich ihre Selbstständigkeit und dieses kleine Stück Freiheit nicht nehmen lassen. Selbst für mich ist der Wocheneinkauf ist für mich zum Highlight der Woche geworden. So kommt man wenigstens unter Leute, auch wenn der Kontakt noch so unpersönlich ist.

Dann gibt es noch das Thema Klopapier. Natürlich. Der Toilettenpapiermangel ist inzwischen zu einem Running Gag geworden. Neben Memes, Comics und Graffiti, die sich den Tissue-Wahn lustig machen, verloste Mitte März ein Verlag im Rahmen eines Gewinnspiels seine Bücher inklusive einer Rolle Toilettenpapier. Inzwischen hat sich der Hype gelegt, nachdem Packungsanzahl pro Kauf begrenzt wurde. Bleibt die Frage: Warum hamstern Deutsche Toilettenpapier? In Spanien und Italien war es Wein, in den USA Waffen. Waffen sind gegen ein Virus etwa so effektiv wie die Einnahme von Vitamin-C-Präparaten oder Leitungswasser, das durch Energien in Schwingung versetzt wird, wie Esoterik-Youtuber behaupten.

Netflix and Chill” oder “Raus ins Grüne”?

Auf der Couch streamen oder Bewegung in der Natur – diese Aktivitäten stehen im Corona-Freizeitprogramm ganz oben an. Mein Mittel Nummer eins gegen Langeweile sind Serien. Seit April habe ich neben Netflix noch Disney plus. Die Streaming-Industrie profitiert von der Pandemie. Viele Menschen sind nun “save at home” und haben viel Zeit. Damit steigt der Datenverkehr, was die Umwelt durch einen erhöhten Stromverbrauch belastet. Große Unternehmen wie Streaming-Dienste oder Online-Großhändler ziehen Profit aus der Krise, während schlecht bezahlte Arbeiter weiter Vollgas geben müssen. Die Krise schwächt diejenigen, die sowieso nicht viel haben, aber einige große Unternehmen erzielen Vorteile daraus – auch daran sieht man, dass Corona kein Gleichmacher ist.

Die Freude an einer Serie entpuppt sich oft als kurzweilig. Das ständige Switchen zwischen verschieden Unterhaltungsmedien und die unaufhaltsame Beschallung sind auf Dauer gar nicht mehr so entspannend. Also mache ich einen Spaziergang durch die Felder mit meinen Hunden. Die Straßen sind leer. Autos sehe und höre ich kaum. Am Himmel sind keine Flugzeuge oder Kondensstreifen zu sehen. Ich genieße die Ruhe und die frische Frühlingsluft. Aus den Nachrichten habe ich erfahren, dass das Wasser in Venedig viel klarer geworden sein soll, da die Kreuzfahrtschiffe stillstehen. In den Kanälen sollen sogar wieder Delfine gesichtet worden sein. Die Stickoxidbelastung in den Großstädten ist rapide gesunken. In der indischen Stadt Jalandhar hat der Smog so sehr nachgelassen, dass die Umrisse des Himalaya-Gebirges in 200 Kilometern Entfernung wieder sichtbar sein sollen. Durch unseren heruntergeschraubten Betrieb bekommt die Erde gerade eine Verschnaufpause. Eine Chance für die Umwelt, sich zu erholen, könnte man denken. Aber, wie das Streamingproblem bereits zeigte: So einfach ist das alles nicht. Vor allem sind die aktuellen Beobachtungen nur Momentaufnahmen, keine Lösungen. Wenn die Wirtschaft wieder angekurbelt wird, werden die uns bisher bekannten Probleme zurückkommen. Und die Delphine wieder aus den Kanälen verschwinden.

Sarah-Maria Scheid

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