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Achtsamkeit statt Autopilot

Für Christina Dahl ist Achtsamkeit ein wichtiges Werkzeuge zur Bewältigung eines stressigen Alltags. Ihr Wissen gibt die Wissenschaftliche Mitarbeiterin auch an Studenten weiter. Foto: Philipp Sittinger.

Für Christina Dahl ist Achtsamkeit ein wichtiges Werkzeuge zur Bewältigung eines stressigen Alltags. Ihr Wissen gibt die Wissenschaftliche Mitarbeiterin auch an Studenten weiter. Foto: Philipp Sittinger.

In einer Welt, die immer schnelllebiger wird, schwirrt einem schon mal der Kopf. Wie mehr Bewusstsein für das Hier und Jetzt erreicht werden kann, lehrt Dr. Christina Dahl in einem Achtsamkeitskurs für Studierende der Bildungswissenschaft. Die Wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeitet im Zentrum für Empirische Pädagogische Forschung (zepf) am Campus Landau im Arbeitsbereich Gesundheit und Wohlbefinden.

Damit wir es gleich am Anfang geklärt haben: Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit ist ein Konzept, das ursprünglich aus dem Buddhismus kommt. Es ist jedoch eine Haltung, die völlig unabhängig davon lebbar ist. Im Kern heißt Achtsamkeit zwei Dinge: Zum einen, dass man in jedem Moment des Lebens versucht, präsent zu sein. Das bedeutet, seine Aufmerksamkeit auf das zu lenken, wo ich gerade bin. Zum anderen, dass ich versuche, möglichst nicht zu urteilen. Es ist eine Eigenart von uns, dass wir alles sofort mit Labeln versehen: Finde ich gut, Will ich haben oder Gefällt mir nicht.

An dieses Gefällt mir, gefällt mir nicht sind wir durch Soziale Netzwerke schon sehr gewöhnt…

Ein Leben ganz ohne Bewertungen gibt es nicht. In meinen Lehrveranstaltungen muss ich auch die Leistungen meiner Studierenden bewerten. Aber vor allem ist es so, dass sich das Bewerten oft gegen uns selbst richtet, dass wir über uns urteilen, aber auch über andere Menschen. Wenn ich den ganzen Tag urteile, dann wird das einen Einfluss auf mich haben – auf mein Empfinden und mein Verhalten. Wenn ich jemanden Neues begegne und ich hab beispielsweise sofort im Kopf Wie sieht der denn aus?, dann werde ich mich wahrscheinlich auch so verhalten. Es geht darum, dies zunächst zu bemerken, einen Schritt zurück zu gehen und sich dessen bewusst zu sein, dass Bewerten stattfindet.

Was habe ich davon, wenn ich diese Achtsamkeit in mein Leben einbinde? Was ist das Ziel?

Das Interessante ist, dass man Achtsamkeit eigentlich nicht anwendet, um etwas Bestimmtes damit zu erreichen. Sondern man macht es aus der Überzeugung heraus, dass diese Lebenshaltung selbst einen Wert hat. Wenn Sie jetzt mit mir das Interview führen und in Gedanken schon überlegen, was Sie morgen machen, dann sind Sie nicht hier. Dieser Moment geht vorüber. Wenn wir aber in dem Moment präsent sind, in dem wir uns gerade befinden, stärkt das den Kontakt mit dem Leben, wir leben intensiver. Wir wissen außerdem aus Studien, dass Achtsamkeit dazu beiträgt, Stress zu reduzieren. Dass es uns Ängste nimmt, depressive Züge mindert und zu unserem psychischen Wohlbefinden beiträgt. Es ist aber keine Technik, die man lernt und anwendet, und dann ist man entspannt. Achtsamkeit ist eine Lebenseinstellung. Ich muss mir die Frage stellen: Wie möchte ich durch dieses Leben gehen? Davongetragen von Gedanken oder wirklich ganz präsent in diesem Moment?

Wie kann man Achtsamkeit lernen? Vielleicht einen Kurs belegen?

Es gibt mittlerweile sehr viel Literatur, die für den Einstieg durchaus reicht. Ich würde aber schon empfehlen, einen Kurs zu besuchen, da früher oder später Fragen aufkommen. Es gibt verschiedene Übungen in der Achtsamkeit, zum Beispiel Meditieren. Da gibt es häufig viele Fragen, wie Was mache ich mit ablenkenden Gedanken? Da hilft es, einen Lehrer zu haben, der Antworten geben kann.

Ist Achtsamkeit dasselbe wie Meditation?

Im Buddhismus werden die Begriffe nahezu synonym verwendet, weil die Achtsamkeit ihren Ursprung in einer bestimmten Meditation hat. Aber ich glaube, es ist sinnvoll, wenn man das trennt und sagt: Achtsamkeit heißt im Hier und Jetzt zu sein und nicht zu urteilen. Um das zu erreichen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Eine dieser Möglichkeiten ist die Meditation. Zur Sitzmeditation beispielsweise hat jeder ein Bild vor Augen.

Ist Achtsamkeit für jeden geeignet?

Theoretisch ja. Es gibt eine Fülle an Studien, die gezeigt haben, dass es psychisch erkrankten Menschen, aber auch gesunden Menschen, die von Stress belastet sind, hilft. Bei sehr schweren psychischen Erkrankungen muss man im Einzelnen abwägen, ob das sinnvoll ist. Das Allerwichtigste ist, zu verstehen, dass Achtsamkeit keine Methode ist, sondern eine Haltung. Es entscheidet jeder für sich selbst, ob er diese Haltung einnehmen möchte.

Als ich das erste Mal Achtsamkeitsübungen ausprobiert habe, war es für mich herausfordernd. Es hat mich im ersten Moment nicht entspannt, sondern sogar ein bisschen frustriert.

Wenn ich das erste Mal in meinem Seminar Achtsamkeit für Lehrer und Schüler eine dreiminütige Atembeobachtung mache, ist der Tenor oft: Wow, war das lang. Weil wir sonst so hektisch unterwegs sind, ist das ungewohnt. Bei solchen Übungen kommen durchaus Empfindungen oder Gedanken hoch, die neu oder ungewohnt sind. Aber das ist wunderbar, weil das ist Übung pur. Dann geht es darum, innerlich zurück zu gehen und Beobachter seiner selbst zu sein und zu gucken, welche Gedanken und Gefühle da sind und diese dann auch wieder gehen zu lassen. Denn das merkt man in der Achtsamkeit auch: Alles ist vergänglich. Nichts bleibt für immer.

Wenn alles vergänglich ist, dann ja auch das Positive?

Genau das lehrt der Buddhismus. Was für das Negative gilt, gilt auch für das Positive. Aber wir können uns sicher sein, dass alles immer wieder kommt. Es geht darum, nicht nach den Dingen zu jagen. Achtsamkeit hilft, trotz der Stürme des Lebens in sich zu ruhen und damit besser umgehen zu können. Und ja, das Schöne vergeht auch. Aber wenn ich achtsam bin, dann bin ich mir in dem Moment, wo das Schöne passiert, darüber bewusst, dass es gerade schön ist. Jetzt zum Beispiel geht es mir gut, ich hab keine Schmerzen, ich hab ein nettes Gespräch mit Ihnen, ich hab einen Kaffee in der Hand. Das ist ein schöner Moment und ich wertschätze ihn. Das zu kultivieren, dabei hilft auch Achtsamkeit.

Die Anwendung von Achtsamkeit kann aber auch den Eindruck vermitteln, es geht darum, seine Gefühle zu ignorieren.

Dass das Nicht-Werten ein Teil der Achtsamkeit ist, suggeriert, dass man immer ganz neutral sein muss. Aber das ist nicht so. Sondern alles, was ist, seien es Gedanken oder Gefühle, darf so sein, wie es ist. Selbst die heftigsten Gefühle der Welt dürfen Sie fühlen. Indem Sie Beobachter Ihrer selbst werden und zurücktreten, nehmen Sie den Gefühlen aber die Macht. Wir neigen dazu, wenn wir verärgert sind, zu sagen: “Ich bin so ärgerlich, ich bin voller Zorn”. Aber wenn man in sich hinein spürt, dann merkt man: Der Ärger ist vielleicht im Bauch, vielleicht in den angespannten Schultern. Aber der Ärger nimmt bestimmt nicht alle Körperregionen ein. Hilfreich ist auch, das entsprechend anders zu benennen. Anstatt “Ich bin ärgerlich” zu sagen “Da ist Ärger”. Diese achtsame Haltung gibt dem Ärger eine ganz andere Dimension. Und noch mal ganz wichtig: Achtsamkeit zielt überhaupt nicht darauf ab, zu verändern. Alles darf so sein, wie es ist. Es geht darum, wahrzunehmen.

Diese Einstellung anzunehmen, ist sicherlich nicht ganz einfach. Wir sind ja immer dazu angehalten, uns zu verbessern und nach Fortschritt zu streben.

Aber ich wäre jetzt mal so kühn zu behaupten, dass diese Einstellung nicht gerade gesundheitsförderlich ist. Und das Leben ist nicht gestern. Gestern ist vorbei und die Zukunft ist noch nicht da. Und der einzige Moment, der zum Leben ist, ist jetzt. Im Endeffekt ist Achtsamkeit eine Art der Aufmerksamkeit, und die hat jeder Mensch per se schon in sich. Das Problem ist nur, dass wir sie verlernt haben. Wenn man kleinen Kindern beim Spielen zuguckt, sieht man, wie vertieft sie sind und es ihnen total egal ist, was gestern war und morgen ist. So waren wir alle, aber in unserer schnelllebigen Welt geht das verloren. Normalerweise tun wir immer etwas, wir planen, wir analysieren. In der Achtsamkeit kommt man aber aus diesem doing mode in den being mode. Es geht darum, einfach mal nur zu sein.

Sie bieten jedes Semester das Seminar “Achtsamkeit für Lehrer und Schüler” im Studiengang Bildungswissenschaften an. Welche Inhalte werden dort vermittelt?

Einerseits geht es darum, den angehenden Lehrern für sich beizubringen, wie sie mit Stress umgehen können. Wir besprechen, wie Achtsamkeit in der Schule angewendet werden kann. Wenn ich mit einer achtsamen Haltung meinen Schülern entgegentrete, ihnen mit Respekt, Toleranz und Wertschätzung begegne, dann schafft das ein ganz anderes Klima. Und andererseits, wenn Lehrer Achtsamkeit praktizieren, können sie auch Übungen mit den Schülern machen. In Studien hat man Hinweise gefunden, dass Schüler sich durch Achtsamkeit besser konzentrieren können, die Impulsivität zurückgeht und das Wohlbefinden steigt. Aber ganz wichtig ist mir, dass die Studierenden gleich am Anfang erfahren: es gibt kein Lernziel.

Ist das nicht irritierend? Normalerweise ist man darauf getrimmt, im Studium auf ein bestimmtes Ziel hinzuarbeiten.

Irritiert sind sie nicht, aber vielleicht überrascht. Aber ich finde, jeder darf selbst entschieen, was er von der Achtsamkeit hält. Am Anfang des Seminars mache ich immer eine Info-Veranstaltung, in der ich sage, dass ich zumindest Offenheit für zum Beispiel Meditationsübungen erwarte. Am Ende entscheiden die Teilnehmenden selbst, was sie aus dem Kurs mitnehmen. Ich bekomme oft die Rückmeldung, dass sie die Übungen in ihrem Alltag ausprobiert haben und sie ihnen geholfen haben.

Wie kann man Achtsamkeit in den Alltag einfließen lassen?

Es gibt ganz praktische Übungen, zum Beispiel kann man sich Haftnotizen aufkleben, vielleicht auch beschriften und immer, wenn man die sieht, kehrt man einen Moment in sich. Es gibt aber auch Computerprogramme, die einen in unregelmäßigen Abständen unterbrechen und kleine Achtsamkeits-Übungen vorschlagen.

Diverse Apps laden zu geführten Meditationen ein. Schön finde ich, dass es nicht nur die sogenannten formellen Übungen gibt, wie beispielsweise die Sitzmeditation, für die man sich bewusst Zeit nimmt. Bei den informellen Übungen kann ich alltägliche Tätigkeiten nutzen, um Achtsamkeit zu üben. Indem ich beim Kaffee kochen, beim Zähneputzen, beim Geschirrspülen meine Handlungen mal bewusst ausführe und auf meine Gedanken achte, kann ich achtsam sein. Generell geht es darum, aus dem sogenannten Autopilotenmodus auszusteigen, in dem wir Dinge einfach tun, ohne sich dem bewusst zu sein. Mit der Achtsamkeit kommt wieder Bewusstsein in das Leben.

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